Archiv: Montag, 19. Juli 2010
Ausgebremst (2)
Gerade solche Erlebnisse wie gestern lassen mich manchmal an mir ein wenig verzweifeln. Ich möchte dann ein anderer Mensch sein – anderen Menschen zuliebe. Aber dann fallen mir Menschen ein, die scheinbar emotionslos sind oder andere, die ständig herumzicken und -nörgeln oder wieder andere, die offenbar keine eigene Meinung haben. Aber all diese Menschen haben Freunde und werden geliebt wie sie sind. Auch ich habe Freunde, die ich mag. Trotz ihrer Fehler und Macken. Oder gerade deswegen.
Es gibt also für mich keinen Grund, mich zu ändern, denn es gibt immer den einen oder anderen Menschen, der sich von meiner burschikosen, manchmal auch barsch erscheinenden Art nicht abschrecken lässt. An mir ändere ich nur, womit ich selbst mich unwohl fühle. Alles andere an mir bleibt so wie es ist. Punkt, aus, basta.
Ausgebremst
Gestern war ich zur Mittagszeit wieder einmal im Hohenheimer Exotischen Garten. Dort war ich seit gut zwei Wochen nicht mehr und es wurde allerhöchste Zeit, die Hängende Blau-Zeder zu fotografieren.
Wenn ich schon dort im Park war, wollte ich auch gleich noch dieses und jenes knipsen. Was machen die Teichrosen? Ich bin zum Teich gegangen, um nachzuschauen. Die Bilder zeige ich Euch in einem neuen Eintrag.
Wie ich dort am Teich so fotografiere, fällt mir ein Mann auf, der mich offensichtlich beobachtete. Ich habe ihm zugelächelt und er hat zurückgelächelt. Irgendwie kamen wir ins Gespräch. Wir redeten und erzählten… gut eine Stunde lang. Oder länger. Keine Ahnung.
Ich wollte mich eigentlich mit meiner Freundin an einem Baggersee treffen. Fotografieren wollte ich auch noch. Der Kaffeedurst meldete sich, doch die Blase meinte, es müsse in ihr erst Platz geschaffen werden. Aber der Fremde war so nett, so sympathisch.
Das traurige Ende vom Lied: Unsere Wege haben sich wieder getrennt, ohne Aussicht auf ein Wiedersehen.
Nun sitze ich da und frage mich, ob ich etwas falsch gemacht, ob ich ihn vergrault habe. Hätte ich den Kaffeedurst laut kundtun sollen, vielleicht wären wir dann zusammen in den nahegelegenen Biergarten gegangen? Aber die Blase… ich war ohne meinen Anziehstab unterwegs. Und Geld hatte ich auch keins dabei.
Zum Abschied hat er mir angeboten, mir mein Stativ mit der Digi zum Auto zu tragen, aber ich habe abgewimmelt. Jetzt frage ich mich, warum eigentlich?
Ich weiß, dass Männer gerne beschützen und helfen. Aber ich denke mir, dass es ein himmelweiter Unterschied ist, ob eine Frau hilflos tut oder tatsächlich hilflos ist. Kaum jemand, der mir, einer Frau ohne Arme, zum ersten Mal begegnet, weiß, wie geschickt und selbständig ich bin.
Die Erziehung meiner Mutter steckt mir immer noch tief in den Knochen.
“Kein Mensch will sich auf Dauer mit einem/auf einen Behinderten einlassen.”
“Du fällst jedem nur zur Last.”
“Zeig nicht, dass du Hilfe brauchst. Vor allem, bitte niemals um Hilfe, denn damit bist du dem, den du bittest, nur lästig.”
“Du brauchst kein Mitleid!”
Mit der letzten Aussage hat sie ausnahmsweise Recht. Aber der Rest stimmt nicht. Meine Freunde helfen mir alle gerne, auch wenn sie wissen, dass ich das Eine oder Andere durchaus auch selbst erledigen kann.
Doch von Fremden lasse ich mir zunächst grundsätzlich nicht helfen. Das ist kein Prinzip von mir, sondern Instinkt. Dabei hat der Mann ja schon beobachtet, dass ich durchaus in der Lage bin, das Stativ mit der Digi selbst zu tragen. Dennoch habe ich sein Angebot, es für mich zum Auto zu bringen, abgewimmelt. Ich will auf gar keinen Fall “behindert rüberkommen”! Aber gerade mit dieser Einstellung und meiner daraus resultierenden Abfuhr vertreibe ich wohl erst Recht manchen Menschen. Eigentlich schade, oder?
Der Mann gestern… er war verdammt sympathisch. Mennooo…
