Ausgebremst
Gestern war ich zur Mittagszeit wieder einmal im Hohenheimer Exotischen Garten. Dort war ich seit gut zwei Wochen nicht mehr und es wurde allerhöchste Zeit, die Hängende Blau-Zeder zu fotografieren.
Wenn ich schon dort im Park war, wollte ich auch gleich noch dieses und jenes knipsen. Was machen die Teichrosen? Ich bin zum Teich gegangen, um nachzuschauen. Die Bilder zeige ich Euch in einem neuen Eintrag.
Wie ich dort am Teich so fotografiere, fällt mir ein Mann auf, der mich offensichtlich beobachtete. Ich habe ihm zugelächelt und er hat zurückgelächelt. Irgendwie kamen wir ins Gespräch. Wir redeten und erzählten… gut eine Stunde lang. Oder länger. Keine Ahnung.
Ich wollte mich eigentlich mit meiner Freundin an einem Baggersee treffen. Fotografieren wollte ich auch noch. Der Kaffeedurst meldete sich, doch die Blase meinte, es müsse in ihr erst Platz geschaffen werden. Aber der Fremde war so nett, so sympathisch.
Das traurige Ende vom Lied: Unsere Wege haben sich wieder getrennt, ohne Aussicht auf ein Wiedersehen.
Nun sitze ich da und frage mich, ob ich etwas falsch gemacht, ob ich ihn vergrault habe. Hätte ich den Kaffeedurst laut kundtun sollen, vielleicht wären wir dann zusammen in den nahegelegenen Biergarten gegangen? Aber die Blase… ich war ohne meinen Anziehstab unterwegs. Und Geld hatte ich auch keins dabei.
Zum Abschied hat er mir angeboten, mir mein Stativ mit der Digi zum Auto zu tragen, aber ich habe abgewimmelt. Jetzt frage ich mich, warum eigentlich?
Ich weiß, dass Männer gerne beschützen und helfen. Aber ich denke mir, dass es ein himmelweiter Unterschied ist, ob eine Frau hilflos tut oder tatsächlich hilflos ist. Kaum jemand, der mir, einer Frau ohne Arme, zum ersten Mal begegnet, weiß, wie geschickt und selbständig ich bin.
Die Erziehung meiner Mutter steckt mir immer noch tief in den Knochen.
“Kein Mensch will sich auf Dauer mit einem/auf einen Behinderten einlassen.”
“Du fällst jedem nur zur Last.”
“Zeig nicht, dass du Hilfe brauchst. Vor allem, bitte niemals um Hilfe, denn damit bist du dem, den du bittest, nur lästig.”
“Du brauchst kein Mitleid!”
Mit der letzten Aussage hat sie ausnahmsweise Recht. Aber der Rest stimmt nicht. Meine Freunde helfen mir alle gerne, auch wenn sie wissen, dass ich das Eine oder Andere durchaus auch selbst erledigen kann.
Doch von Fremden lasse ich mir zunächst grundsätzlich nicht helfen. Das ist kein Prinzip von mir, sondern Instinkt. Dabei hat der Mann ja schon beobachtet, dass ich durchaus in der Lage bin, das Stativ mit der Digi selbst zu tragen. Dennoch habe ich sein Angebot, es für mich zum Auto zu bringen, abgewimmelt. Ich will auf gar keinen Fall “behindert rüberkommen”! Aber gerade mit dieser Einstellung und meiner daraus resultierenden Abfuhr vertreibe ich wohl erst Recht manchen Menschen. Eigentlich schade, oder?
Der Mann gestern… er war verdammt sympathisch. Mennooo…

Dienstag, 20. Juli 2010 um 07:08
Ihr habt Euch doch unterhalten – sicher hast Du ihm erzählt, dass Du öfter da bist. Ein aufmerksamer Zuhörer findet Dich bestimmt wieder. Wenn Menschen sich begegnen sollen, dann wird das auch passieren.
Ich drück noch zusätzlich die Daumen
Dienstag, 20. Juli 2010 um 19:36
Ach, liebe Gise, ich drück dir alle Daumen, dass er vielleicht mal wieder dort ist.
Und dann, lass dir ruhig mal helfen. Ich hätte es auch gern mehr getan, als du zugelassen hast
Ich helfe doch auch sogenannten Normalos, wenn sie viel zu tragen haben… und die lassen sich meist gern helfen.
Gise sagt: Über das Helfenlassen habe ich mir jetzt viele Gedanken gemacht. Darüber werde ich mich in einem Blogeintrag äußern.
Manchmal lasse ich mir nicht helfen, weil ich mir dann so hilflos, so ausgeliefert vorkomme. Hilflosigkeit ist eine Schwäche und Schwächen kann ich mir selbst nur schwer zulassen.
Manchmal lasse ich mir nicht helfen, um mich vom Anderen klar abzugrenzen. Dass ich am Sonntag den sympathischen Herrn meine Digi mit Stativ nicht zu meinem Auto bringen lassen habe, hat wohl sehr stark damit zu tun gehabt. Ich will nicht, dass er an meiner Seite ein Stück in mein Leben tritt. Hätte er mich auf meiner Fototour begleitet und das Stativ getragen, hätte ich es eher zugelassen. Zu 50%. Vielleicht. Das kann ich jetzt nicht eindeutig sagen.
Mittwoch, 21. Juli 2010 um 08:55
dann geh halt öfter mal in den Park…
Gise lacht: Noch öfter??? Ein Mal in der Woche reicht mir völlig. Das ist öfter als ich letztes Jahr im Park war.
Außerdem… hätte er Interesse gehabt, mich wiederzusehen, hätte er es bestimmt angesprochen. Ich gehe ganz stark davon aus, dass er einfach nur neugierig war. So wie ein Artikel in einem Laden einen so neugierig macht, dass man ihn in die Hand nehmen und von allen Seiten betrachten muss – um ihn dann doch nicht zu kaufen…
Mittwoch, 21. Juli 2010 um 09:37
Ihr seid lieb… danke!
Ich habe ihm aufmerksam zugehört.
Am Sonntag war sein letzter Urlaubstag und er arbeitet weit außerhalb von Stuttgart.
Ich denke einmal, dass der Moment einfach stimmig war, beim nächsten Mal ist unter Umständen der Zauber weg. Diese Begegnung war etwas Besonderes, ist nicht wiederholbar. So wie eine besondere Stimmung nach einem Kinobesuch oder im Biergarten oder bei einer Feier. Ihr kennt sicherlich auch solche Situationen, in denen Ihr Euch sauwohl fühlt, aber sie lässt sich nicht wiederholen.
Aber ich sehe es wie Viola: Sollte es so bestimmt sein, werden wir uns gewiss wieder über den Weg laufen. Da brauche ich gar nicht erst nach der Wiederbegegnung zu suchen…