Kategorie: behindert?
Was sagt man dazu!?
Ein Gespräch zwischen einer Mutter und einer Lehrerin.
Mutter: “Selbst über ein schwerst behindertes Kind kann man etwas Positives berichten.”
Lehrerin: “Das einzig Positive an einem schwerst behinderten Kind ist das Pflegegeld, das man erhält.”
Dieser Dialog ist kein Witz, sondern hat tatsächlich so stattgefunden!
Faith
Gestern hat Engelbert in seinem Kalenderblatt seine Leser auf Faith aufmerksam gemacht.
Faith (auf Deutsch: Vertrauen, Glaube) ist eine Mischlings-Hündin in den USA, die im Jahre 2002 ohne Vorderbeine geboren und vom Muttertier verstoßen wurde. Der Nachbarsjunge Reuben entdeckte den Welpen zufällig und brachte ihn zu seiner Mutter Jude. Diese und ihre Kinder brachten der zweibeinigen Hündin das aufrechte Laufen bei.
Inzwischen ist die unglaubliche Faith in den USA Gast in vielen Talkshows und der Liebling der Medien. Jude macht dies aber nicht aus Profitgier, sondern Faith gibt den kranken und behinderten Menschen neuen Lebensmut, wie man im Berliner Kurier lesen kann.
In einem Schweizer Artikel bin ich auf Worte von Jude gestoßen, die ich hier gerne wiedergebe:
“Im Leben gibt es immer unerwünschte Dinge; man kann vieles machen, um sich besser zu fühlen. Sie müssen nur das Leben aus einer anderen Richtung betrachten. Ich hoffe, diese Nachricht wird frische, neue Wege des Denkens für alle bringen und dass jeder zu schätzen weiß und dankbar ist für jeden schönen Tag.
Der Glaube ist die ständige Demonstration der Stärke und Magie des Lebens.
Bitte verteilen Sie diese Geschichte um die ganze Welt!”
Das Schicksal von Faith hat viele Kalenderblattleser berührt, doch es gab auch Worte des Mitleids, der Bestürzung und vor allem Wut über die vermeintliche Vermarktung und Zurschaustellung von Faith. Engelbert hatte wohl nicht mit solchen Reaktionen gerechnet, weshalb die zweibeinige Hündin noch einmal Thema im heutigen Kalenderblatt ist.
Egal, wie die Meinungen der einzelnen Kalenderblattleser ausfallen… ich denke, dass Faith genau das erreicht hat, was ihr Frauchen bezweckte: Wir alle – einschließlich ich! – wurden und werden zum Nachdenken über Behinderungen und die Wertigkeit des Lebens allgemein und des eigenen angeregt.
Kontrolle
Neulich bin ich nach Mitternacht erst nach Hause gefahren. Als ich in mein Wohngebiet einbog, hörte ich plötzlich ein Aufheulen und meine Umgebung war in blaues Licht eingetaucht. Ich schaute in den Rückspiegel: Stop Polizei.
Eigentlich wollte ich gerade nach links in meine Straße einbiegen, aber so blinkte ich rechts und hielt an. Einer der beiden Polizisten kam und leuchtete mit einer Taschenlampe in mein Auto: “Guten Morgen! Fahrzeugpapiere und Führerschein, bitte.”
“Äh… ja, Moment bitte.”
“Oh… ist schon okay.”
Nach einer Weile: “Ist das Ihr Fahrzeug?” Nein, ich habe es eben “gefunden”. ![]()
“Ja.”
“Und damit können Sie fahren?”
“Klar! Das Auto ist auf mich persönlich zugeschnitten.”
“Aha… was es alles gibt… Haben Sie Alkohol getrunken?”
“Nein, nur Wasser.”
“Na, dann wünsche ich Ihnen eine gute Weiterfahrt.”
Selbst Polizisten scheinen keine Ahnung davon zu haben, dass auch behinderte Menschen Auto fahren können…
Mauer
Ihr wartet bestimmt schon auf die Bilder. Leider kann ich Euch nicht sagen, ob ich sie noch bearbeiten werde. Ich bin dauermüde und ich sinniere. Ich hasse es, wenn es in meinem Kopf brummt und kreist, aber gleichzeitig spüre ich, dass mich die Grübeleien in meiner persönlichen Entwicklung wieder ein Stückchen weiter bringen werden.
Seit ich aus Bad Kissingen wieder zu Hause bin, lasse ich die eine und andere Situation vom letzten Wochenende immer wieder Revue passieren. Dass mein netter Flirt sich bis dato nicht gemeldet hat, verstärkt die Grübelei und seit heute spüre ich sie wieder… die Mauer, die ich selbst um mich herum aufbaue.
Während meiner letzten Beziehung wurde mir bewusst, dass ich aus Angst vor Verletzungen und Zurückweisungen um mich herum eine Mauer aufgebaut habe. Von da an habe ich mich bemüht, diese Mauer einzureißen, was mir auch nach der Trennung trotzdem ganz gut gelang. Doch heute wurde mir bewusst, dass ich in den letzten Monaten diese verdammte Mauer wieder um mich herum hochgezogen habe – ich habe das Gefühl, dass sie sogar höher ist als während meiner letzten Beziehung. Ich weiß nicht, ob sie tatsächlich höher oder ob sie mir nur bewusster ist. Ich weiß nur, dass ich jetzt wieder einmal diese Mauer um mich spüre und ich frage mich, ob ich sie jemals für immer los werden kann.
Woher kommt diese Mauer und wie entsteht sie? Der Ursprung ist sicherlich in meiner Kindheit zu suchen. Meine Mutter hat nie eine Gelegenheit ausgelassen, mir direkt und indirekt zu vermitteln, dass ich nicht nur ein Krüppel, sondern obendrein auch noch hässlich und geistig behindert sei und dass ich mich anderen Menschen nicht aufdrängen solle, weil niemand sich mit solchen Menschen wie mir abgeben wolle. Das hatte zur Folge, dass ich schon als Schülerin sehr still wurde. Meine Schwerhörigkeit und das Mobbing in der Hauptschule haben meine Schüchtern- und Unsicherheit noch verstärkt.
Inzwischen weiß ich, dass ich okay bin so wie ich bin. Ich bekomme Rückmeldungen, dass ich liebenswert, bewundernswert bin – und manchmal auch nervig sein kann. Aber das Einzige, was nervend ist, ist meine Schlabbergosche, mein Redeschwall, der mitunter schon morgens vor dem Kaffee losgeht. Nicht ICH bin nervig, sondern meine Babbelei. Und das ist ein Unterschied, mit dem ich gut klarkomme.
Ich bin inzwischen gern mit Menschen zusammen und ich bin für manche Schandtat zu haben. Ich erzähle gerne – auch über mich. Dennoch spüre ich manchmal eine Mauer, so wie jetzt nach diesem wunderbaren Wochenende in Bad Kissingen. Mir ist nämlich aufgefallen, dass ich zwar gerne zuhöre, wenn jemand etwas über sich erzählt, aber ich stelle selten Fragen. Mein Flirt zum Beispiel wollte viel über mich wissen, hat immer wieder Fragen gestellt: Familienstand, Sternzeichen, Alter, Kinder… Am Ende wollte er meine Adresse und Telefonnummer haben. Ich habe ihm nur die Telefonnummer gegeben. Seine hat er mir auch genannt, aber ich habe mir nicht die Mühe gemacht, sie mir aufzuschreiben. Ich habe ihn auch niemals zurückgefragt. Hätte eine Bekannte nicht gefragt, wüsste ich jetzt rein gar nichts über ihn. Doch, eine Frage habe ich ihn gestellt… als er meinen Namen wissen wollte, habe ich auch seinen erfahren wollen.
Leuten persönliche Fragen zu stellen empfinde ich vom Gefühl her als neugierig (ein oft gehörter Satz von meiner Mutter war: “Sei nicht so neugierig!”) und aufdringlich. Dabei weiß ich vom Verstand her, dass der Andere sich angenommen und interessant fühlt, wenn ich frage. Dennoch frage ich nicht. Mehr noch… “Gell, du hast dich wegen mir an die Bar gesetzt.” habe ich rigoros verneint. Und jetzt ist sie da, die Mauer. Ich kann entgegen jedes besseren Wissens das Gefühl in mir, keine Schwächen zeigen und mich Anderen nicht aufdrängen zu dürfen, ja sogar das Gefühl, unerwünscht zu sein, nicht ausschalten. Aber wenn ich gelernt habe, meine Schüchternheit zu überwinden, dann kann ich doch auch lernen, mein Interesse am Anderen zu zeigen. Ich muß mich trauen lernen, mich in die Privatsphäre meines Gesprächspartners vorzutasten.
Wie haltet Ihr es, wenn Ihr einen interessanten Menschen kennen lernt. Fragt Ihr ihn (aus)? Welche Art von Fragen stellt Ihr? Wenn Ihr befragt werdet (vom netten Menschen natürlich), ist das für Euch okay oder fühlt Ihr Euch ausgehorcht?
Bin ich aufdringlich, wenn ich ihn bei der Arbeit anrufe? Die Nummer, die er mir genannt hat, weiß ich ja nicht mehr. Wie muß ich auf ihn gewirkt haben? Oberflächlich? Desinteressiert? Abweisend?
Ich stelle mir – und Euch – diese Fragen, weil ich bei zukünftigen Begegnungen keine Mauer mehr spüren möchte. Mir ist nie bewusst, wenn ich sie aufbaue – ich entdecke sie immer erst im Nachhinein. Und das ärgert mich wahnsinnig, denn diese Mauer verhindert meinem Gefühl nach tiefergehende Kontakte. Mist, wieder eine Chance vertan!
Altersabhängig?
Ihr Lieben, ich danke Euch für Eure Gedanken zu meinem Eintrag über meine Füße.
Generell möchte ich einmal festhalten, dass dort im Kindergarten unterschiedliche Frauen arbeiten. Es ist also nicht so, dass die Erzieherinnen geschlossen vor mir stehen und “Füße vom Tisch” fordern. Nein, das nicht!
So unterschiedlich die Frauen sind, so unterschiedlich ist ihre Bereitschaft, sich auf eine Behinderung einzulassen.
Natürlich, wenn ein Kindergarten bereit ist, auch auffällige Kinder aufzunehmen, wird von den dort Beschäftigten Akzeptanz erwartet. Aber ich denke, es macht durchaus einen Unterschied, ob ein Kind oder ein junger Mensch oder ein Betagter ein und dieselbe Behinderung hat.
Wenn ein Baby sich die Zehen in den Mund steckt und daran nuckelt, finden es alle goldig. Einem Kindergartenkind verbietet man es schon.
Selbst ich vermeide es, mir während dem Essen die Zehen abzulecken, weil ich denke, dass jede Toleranz auch ihre Grenzen hat.
Ein Baby zu füttern und in Kauf zu nehmen, dass es dabei sabbert, macht wahrscheinlich fast keinem etwas aus. Bei stark spastisch gelähmten Kindern ist die Akzeptanz des Sabberns schon etwas schwieriger. Man muß sich, je älter dieser behinderte Mensch ist, stärker damit auseinander setzen und sich daran gewöhnen. Oder man kann es nicht.
Versucht einmal, Euch bildhaft vorzustellen, Ihr füttert ein Baby mit dem Löffel. Der Brei rutscht dem Säugling immer wieder aus dem Mund.
Nun stellt Euch vor, Ihr werdet plötzlich mit einem Jugendlichen konfrontiert, den Ihr füttern müsst. Auch ihm läuft die Nahrung immer wieder aus dem Mund.
Wie sieht es nun mit einem Senior aus, den man füttern muß? Ich vermute, dass es manchem von uns schwer fallen würde. Ich jedenfalls müsste mich auch erst daran gewöhnen. Deshalb kann ich die beiden Erzieherinnen, die mit meinen Füßen auf dem Tisch ihre Probleme haben, schon irgendwie verstehen. Aber ich sehe die Lernbereitschaft der Erzieherinnen. Deshalb bitte ich Euch, geht auch Ihr mit ihnen nicht so hart ins Gericht…
