Kabisa Gise – Blog

ganz und gar Gise

2009
Freitag
8
Mai

Mauer

Veröffentlicht von: Gise
um 00:02 Uhr
 

Ihr wartet bestimmt schon auf die Bilder. Leider kann ich Euch nicht sagen, ob ich sie noch bearbeiten werde. Ich bin dauermüde und ich sinniere. Ich hasse es, wenn es in meinem Kopf brummt und kreist, aber gleichzeitig spüre ich, dass mich die Grübeleien in meiner persönlichen Entwicklung wieder ein Stückchen weiter bringen werden.

Seit ich aus Bad Kissingen wieder zu Hause bin, lasse ich die eine und andere Situation vom letzten Wochenende immer wieder Revue passieren. Dass mein netter Flirt sich bis dato nicht gemeldet hat, verstärkt die Grübelei und seit heute spüre ich sie wieder… die Mauer, die ich selbst um mich herum aufbaue.

Während meiner letzten Beziehung wurde mir bewusst, dass ich aus Angst vor Verletzungen und Zurückweisungen um mich herum eine Mauer aufgebaut habe. Von da an habe ich mich bemüht, diese Mauer einzureißen, was mir auch nach der Trennung trotzdem ganz gut gelang. Doch heute wurde mir bewusst, dass ich in den letzten Monaten diese verdammte Mauer wieder um mich herum hochgezogen habe – ich habe das Gefühl, dass sie sogar höher ist als während meiner letzten Beziehung. Ich weiß nicht, ob sie tatsächlich höher oder ob sie mir nur bewusster ist. Ich weiß nur, dass ich jetzt wieder einmal diese Mauer um mich spüre und ich frage mich, ob ich sie jemals für immer los werden kann.

Woher kommt diese Mauer und wie entsteht sie? Der Ursprung ist sicherlich in meiner Kindheit zu suchen. Meine Mutter hat nie eine Gelegenheit ausgelassen, mir direkt und indirekt zu vermitteln, dass ich nicht nur ein Krüppel, sondern obendrein auch noch hässlich und geistig behindert sei und dass ich mich anderen Menschen nicht aufdrängen solle, weil niemand sich mit solchen Menschen wie mir abgeben wolle. Das hatte zur Folge, dass ich schon als Schülerin sehr still wurde. Meine Schwerhörigkeit und das Mobbing in der Hauptschule haben meine Schüchtern- und Unsicherheit noch verstärkt.

Inzwischen weiß ich, dass ich okay bin so wie ich bin. Ich bekomme Rückmeldungen, dass ich liebenswert, bewundernswert bin – und manchmal auch nervig sein kann. Aber das Einzige, was nervend ist, ist meine Schlabbergosche, mein Redeschwall, der mitunter schon morgens vor dem Kaffee losgeht. Nicht ICH bin nervig, sondern meine Babbelei. Und das ist ein Unterschied, mit dem ich gut klarkomme. ;)

Ich bin inzwischen gern mit Menschen zusammen und ich bin für manche Schandtat zu haben. Ich erzähle gerne – auch über mich. Dennoch spüre ich manchmal eine Mauer, so wie jetzt nach diesem wunderbaren Wochenende in Bad Kissingen. Mir ist nämlich aufgefallen, dass ich zwar gerne zuhöre, wenn jemand etwas über sich erzählt, aber ich stelle selten Fragen. Mein Flirt zum Beispiel wollte viel über mich wissen, hat immer wieder Fragen gestellt: Familienstand, Sternzeichen, Alter, Kinder… Am Ende wollte er meine Adresse und Telefonnummer haben. Ich habe ihm nur die Telefonnummer gegeben. Seine hat er mir auch genannt, aber ich habe mir nicht die Mühe gemacht, sie mir aufzuschreiben. Ich habe ihn auch niemals zurückgefragt. Hätte eine Bekannte nicht gefragt, wüsste ich jetzt rein gar nichts über ihn. Doch, eine Frage habe ich ihn gestellt… als er meinen Namen wissen wollte, habe ich auch seinen erfahren wollen.

Leuten persönliche Fragen zu stellen empfinde ich vom Gefühl her als neugierig (ein oft gehörter Satz von meiner Mutter war: “Sei nicht so neugierig!”) und aufdringlich. Dabei weiß ich vom Verstand her, dass der Andere sich angenommen und interessant fühlt, wenn ich frage. Dennoch frage ich nicht. Mehr noch… “Gell, du hast dich wegen mir an die Bar gesetzt.” habe ich rigoros verneint. Und jetzt ist sie da, die Mauer. Ich kann entgegen jedes besseren Wissens das Gefühl in mir, keine Schwächen zeigen und mich Anderen nicht aufdrängen zu dürfen, ja sogar das Gefühl, unerwünscht zu sein, nicht ausschalten. Aber wenn ich gelernt habe, meine Schüchternheit zu überwinden, dann kann ich doch auch lernen, mein Interesse am Anderen zu zeigen. Ich muß mich trauen lernen, mich in die Privatsphäre meines Gesprächspartners vorzutasten.

Wie haltet Ihr es, wenn Ihr einen interessanten Menschen kennen lernt. Fragt Ihr ihn (aus)? Welche Art von Fragen stellt Ihr? Wenn Ihr befragt werdet (vom netten Menschen natürlich), ist das für Euch okay oder fühlt Ihr Euch ausgehorcht?

Bin ich aufdringlich, wenn ich ihn bei der Arbeit anrufe? Die Nummer, die er mir genannt hat, weiß ich ja nicht mehr. Wie muß ich auf ihn gewirkt haben? Oberflächlich? Desinteressiert? Abweisend?

Ich stelle mir – und Euch – diese Fragen, weil ich bei zukünftigen Begegnungen keine Mauer mehr spüren möchte. Mir ist nie bewusst, wenn ich sie aufbaue – ich entdecke sie immer erst im Nachhinein. Und das ärgert mich wahnsinnig, denn diese Mauer verhindert meinem Gefühl nach tiefergehende Kontakte. Mist, wieder eine Chance vertan!

Dieser Beitrag wurde geschrieben am Freitag, 8. Mai 2009 um 00:02 Uhr und wurde abgelegt unter "behindert?". Du kannst die Kommentare verfolgen mit RSS 2.0. Du kannst hier einen Kommentar hinterlassen, oder einen Trackback senden von deiner eigenen Seite.

7 Kommentare

  1. piri:

    Natürlich rufst du ihn auf der Arbeit an, mehr als eine Abfuhr abholen, kannst du nicht. Sag es ihm so, wie du es hier geschrieben hast, dann weißt du wo du dran bist und brauchst nicht mehr zu grübeln.

    Mauern kann man einreißen, oder ‘ne Tür reinbauen – aber du hast eigentlich schon ‘ne Tür, du solltest sie offen halten.

    Ganz arg liebe Grüße (hoffentlich sehen wir uns bald mal wieder)
    Petra

  2. menzeline:

    Hallo liebe Gise,

    deine Geschichte hier rührt mich an, aber eins kann ich dir sagen, Petra hat Recht, ruf ihn an und sage ihm was du uns auch gesagt hast.
    Mehr wie schief gehen kann es nicht, aber probier es!

    Viele Glück und liebe Grüße

    Roswitha

  3. Beate:

    Die Chance besteht immer noch.
    Ruf ihn auf der Arbeit an und sag ihm, dass Du seine andere Nummer leider mehr wusstest. Er ist entweder an Dir interessiert, und freut sich, dass Du ihm endlich ein Zeichen der Interesse von Deiner Seite aus gegeben hast, wahrscheinlich hat er schon darauf gewartet… Oder er ist nicht interessiert und dann wird die Welt auch nicht untergehen. Viel schlimmer, das Grübeln über verpasste Chancen!
    Aber ich glaube nicht an die zweite Variante, denn er hat Dich ja schließlich nach Deiner Nummer gefragt. Warum wohl, wenn er kein Interesse an einem Kontakt mit Dir hat?
    Ich kenne dieses Mauern- Bauen sehr gut aus meiner Vergangenheit. Ich war auch so eine Baumeisterin ;-)
    Meine Erfahrung ist die:
    Du kannst nicht darauf warten, dass es beim nächsten Mal besser läuft, akzeptiere es, wenn Du eine Mauer spürst, aber sei nicht mutlos, Du hast sie gebaut, weil Dein Inneres das Bedürfnis nach Schutz hat. Du kannst aber Deinen Entschluss diese Mauer zu überwinden dagegensetzten!
    Spring ” einfach ” drüber!
    Ich habe damals auch eine soooo lange Zeit damit verbracht, immer einen Schritt vorwärts zu gehen, dann zwei zurück…Es war mir ganz lange nicht bewusst, dass ich eigentlich darauf gewartet habe, dass diese Mauer irgendwann verschwindet. Aber sie ist immer dicker geworden durch das Warten. Dann habe ich begriffen, dass ich sie nur überwinden kann, wenn ich hindurch gehe, durch meine Angst, dann lasse ich die Mauer hinter mir. Wenn Du deinen Mitmenschen auch Deine Schwächen zeigst, dann haben sie die Chance auch ihre Schwächen zu zeigen, dann ist es eine echte Begegnung, kein Theaterspiel.
    Ich wünsche Dir den mut und die Kraft über die Mauer zu springen. Wenn Du dann zurückschaust, ist sie schon verwschwunden.
    Herzlichst: Beate

  4. leonilla:

    hallo liebe gise,
    kann mich nur meinen vorschreiberinnen anschließen.wenn du seinen namen weißt und seine stadt,dann findest du auch seine telefonnummer.ganz fest die daumen drücke :trost:
    leo

  5. Martha:

    hmm – ich kann auch nix neues zum Thema beitragen. Aber ruf an – denn sonst ist dem Grübeln kein Ende gegeben.

    Ach Gise, Dü bischt eifach en Schatz !!
    Sei ganz lieb gegrüsst, Martha

  6. isa:

    Ach liebe Gise, :grin:
    du machst dir sicherlich viel zu viele Gedanken, wenn es in Grübeln ausartet!
    Deine Fragen kann aber niemand beantworten.

    Mit ein bisschen Abstand betrachtet entdeckst vielleicht gerade verwundert deine Zaghaftigkeit, die ohne zu fragen in deinem Leben mitgespielt hat. Und nun glaubst du womöglich auch noch, dass fremde Entdecker dein Mäuerchen genauso negativ bewerten wie du selbst.
    Vielleicht wird deine Zurückhaltung aber ganz anders, nämlich als besonders reizvoll erlebt und interpretiert? Kannst du dir das nicht auch vorstellen? Es wurden ja schließlich nicht alle Menschen von deiner Mutter erzogen und erklären das Verhalten sofort als Mauerbau oder uneinnehmbare Festung und als vertane Chance wovon auch immer.
    Nimm deine Zaghaftigkeit an. Sie ist ebenso gut wie deine forsche Seite. Mit beiden kannst du erfolgreich sein und mit beiden scheitern.

  7. uta:

    Liebe Gise,

    bisher gehörte ich zu Deinen stillen Mitleserinnen. Zum Thema Mauern möchte ich Dir nur noch sagen, dass Sie wichtig sind. Über Jahre hinweg habe ich mich eingekapselt und mich hinter solchen Mauern versteckt, im Laufe des letzten Jahres habe ich Freunde gefunden, die mir geholfen haben, diese Mauern abzubauen. Jetzt merke ich, dass es ohne Mauern nicht geht: Mauern definieren eine Person, geben ihre Grenzen vor, geben vor, welche Prnzipien sie hat, was sie tut und was aus Prinzip nicht. Wenn man diese Mauern abreißt, kann man bei sich selbst keinen Halt mehr finden. Die Mauern definieren auch das Kernstück der eigenen Person, auf das man sich verlassen kann – auch wenn sich dieses ändert und weiterentwickelt, man sollte nicht an den Punkt gelangen, wo die Mauern in Ruinen liegen. Insofern wünsche ich Dir, dass Du es schaffst, Deine Mauern nach Deinen Wünschen zu verändern.

    Viele Grüße,
    Uta

    Gise sagt: Liebe Ute,
    herzlich willkommen in meinem Blog und danke für Deine Erklärung. Ja, da gebe ich Dir Recht… Mauern sind unheimlich wichtig in Grenzsituationen. Und meine Mauern sind sehr stark, so stark, dass sie manchmal tatsächlich keinen Widerspruch zulassen. Mauern entstehen aus Grundeinstellungen zu Situationen im Leben und zu sich selbst.
    Nur… manchmal ist die eine oder andere Mauer unnötig. Mir ist gestern nach dem Telefonat sehr stark bewusst geworden, dass ich eine Grundeinstellung habe, die, wenn sie von jemandem widerlegt wird, mich immer wieder groß staunen lässt und in mir wahnsinnige Glücksgefühle auslöst. Meine Grundeinstellung heißt: ich bin nicht liebens-wert, ich bin nicht beachtens-wert. Diese Grundeinstellung habe ich sogar meinen Kindern gegenüber. Wenn sie mich dann einfach so knuddeln, wenn sie mir sagen, dass sie meine Anwesenheit bei (Schul-)Festen und anderen Aktivitäten ausdrücklich wünschen, wenn sie mir ihre Sorgen anvertrauen oder um Rat fragen oder wenn sie mich stolz ihren Freunden, Lehrern oder sonstigen ihnen wichtigen Personen vorstellen, dann durchströmt mich jedes Mal ein wahnsinniges Glücksgefühl. Vom Kopf her weiß ich, dass ich nicht hässlicher oder schlechter bin als andere Menschen, sondern anders. Ich bin eben ich, die Gise. So kennt man mich uind so mag/liebt man mich. Aber “gefressen/geschluckt” habe ich es wohl noch nicht – es ist mir immer noch nicht in Fleisch und Blut übergegangen.

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