Archiv: Mittwoch, 11. August 2010
Glücklich werden
Gestern Abend habe ich mir den Film “Nobody’s perfect” angeschaut. Vorgestern habe ich meine Tochter gefragt, ob sie ihn mit mir anschauen möchte. Nein, sie wollte nicht, denn sie habe ja mit mir genug Anschauungs”material”, war ihre Antwort. Schade, denn zwölf Conterganer bedeutet nicht, kennste einen, kennste alle.
Zwölf contergangeschädigte Menschen mit zwölf verschiedenen Weltanschauungen, Erfahrungen und Persönlichkeiten, von denen ich, selbst contergangeschädigt, durchaus etwas lernen und mitnehmen kann. Aber ich könnte ihnen auch etwas mitgeben. Zum Beispiel hat mich die Antwort des ebenfalls contergangeschädigten Regisseurs auf die Frage, was er sich wünschen würde, sehr erstaunt.
Die Frage, von einem für die Aktaufnahmen angeworbenen Conterganer im Rollstuhl gestellt, lautete: “Was wünschst du dir?”
Nicos Antwort: “Ich wünsche mir, glücklich zu werden.”
“Bist du nicht glücklich?”
“Nein… bis jetzt noch nicht.”
Lieber Nico, sollte ich einmal die Ehre Deines Besuchs hier in meinem Blog erhalten, möchte ich Dir verraten, wie man es schafft, glücklich zu sein. Eigentlich ist es ganz einfach – Du musst nur die Prioritäten anders setzen und die Vergleiche Deiner Person oder Deiner Situation mit denen anderer Menschen anders ziehen.
“Glücklich werden” ist doch kein Wunsch, den das Christkind, ein Wunder oder auch irgend ein Mensch erfüllen kann. Ob ich glücklich werde und bin, das liegt doch nur ganz allein an mir selbst!
“Glücklich werden” ist ein Zustand, den man nie erreicht, denn der liegt in der Zukunft.
“Glücklich sein kann ich aber sofort und jetzt.
Jetzt kommt sie, meine Anleitung zum Glücklichsein:
– Du bist mit Dir allein… mache Dir (schriftlich oder laut ausgesprochen) bewusst, worauf Du stolz bist: Menschen, Dinge, Fähigkeiten, Kleinigkeiten, die Dich zum Lächeln bringen.
– Vergleiche Dich nicht mit anderen Menschen. Habe keine Vorbilder!
– Wenn Du das Vergleichen nicht lassen kannst, schaue nicht nur voller Neid auf den anderen Menschen, sondern schaue auch einmal, was der andere nicht hat. Oder anders ausgedrückt: Betrachte Dich einmal mit den Augen Dritter und überlege Dir, worum Dich andere Menschen beneiden. Ich habe zwei wundervolle Kinder, während andere in meinem Alter viel Geld haben, um das ich sie beneiden könnte, aber kinderlos sind.
– Nico, Du haderst mit Deinem Aussehen und schämst Dich wegen Deiner kurzen Arme. Kaum ein menschlicher Körper ist perfekt. Kaum ein Mensch ist mit sich selbst und seinem Körper zufrieden. Den einen stört seine große Nase, den anderen die zotteligen Haarfransen. Du hast kurze Arme, ich habe gar keine – na und? So ist das nun einmal. Unsere Mitmenschen stören sich nicht daran, warum tun wir es dann? (Und die, die sich daran stören, interessieren mich nicht die Spur!)
Soll ich Dir einmal etwas verraten? Du gefällst mir! Du bist schlank und Du hast ein sympathisches Gesicht! Und wenn Du lächelst oder lachst, könnte ich dahin schmelzen.
Du hast nur diesen einen Körper und der ermöglicht es Dir zu leben. Liebe Dich selbst! Schau in den Spiegel und registriere, was Du an Dir selber schön findest. Ich glaube Dir nicht, dass der ganze Kerl an Dir versteckt werden muss.
Frag einmal Deine Frau und Deinen süßen Sohn, was sie an Dir liebens-wert finden.
An Deinem Äußeren und an Deinem Wesen.
– Ganz wichtig!: Nimm die positiven Wahrnehmungen der anderen Menschen zu Deiner Person auf und an!
– Sei stolz auf Dich und Dein bisher Erreichtes! Selbst die Fähigkeit, mit dem Auto fahren zu können, erfüllt mich mit Stolz, denn ich kenne “normale” Frauen, die sich nicht zu fahren trauen.
– Egal, worum Du wen auch immer beneidest… was hindert Dich daran, dieses nicht auch zu erlangen oder zu erreichen?!
– Jeder Vorteil hat seine Nachteile und jeder Nachteil hat auch seine Vorteile.
Ignoriere die Nachteile und suche die Vorteile!
Leuten, die mich wegen meiner gänzlich fehlenden Arme bedauern, sage ich:
“Ich finde es gut, keine Arme zu haben, denn beim Schlafen wüsste ich ja nicht, wohin mit ihnen.
Im Winter habe ich nie kalte Finger und ich muss keine verlegten Handschuhe suchen.
Zur Begrüßung und zum Abschied muss ich niemandem die Hand geben.
Wenn du deine Füße auf dem Tisch hast, wirst du angepflaumt. Ich nicht.
”
Diese Filmsequenz nach dem Wunsch war nur kurz. Dennoch ist sie sehr lebhaft in meinem Kopf hängen geblieben. Ich habe automatisch angenommen, dass ein Mann, der zwar behindert ist, der aber seit fast dreißig Jahren verheiratet ist und einen intelligenten und aufgeweckten Sohn hat, der durch seinen Beruf, von dem viele Menschen träumen, Land und Leute, auch berühmte Menschen, kennen lernt, dass dieser Mann automatisch glücklich ist. Umso erstaunter war ich über seine knappe Antwort, dass er sich wünsche, glücklich zu werden.
Zu werden… darüber grüble ich besonders…
Was aus diesem Film ist Euch, liebe Leser, hängen geblieben?
Wer oder was im Film hat Euch besonders beeindruckt, berührt, verwundert?
Welche Frage(n) hat der Film in Euch aufgeworfen?
