Glücklich werden
Gestern Abend habe ich mir den Film “Nobody’s perfect” angeschaut. Vorgestern habe ich meine Tochter gefragt, ob sie ihn mit mir anschauen möchte. Nein, sie wollte nicht, denn sie habe ja mit mir genug Anschauungs”material”, war ihre Antwort. Schade, denn zwölf Conterganer bedeutet nicht, kennste einen, kennste alle.
Zwölf contergangeschädigte Menschen mit zwölf verschiedenen Weltanschauungen, Erfahrungen und Persönlichkeiten, von denen ich, selbst contergangeschädigt, durchaus etwas lernen und mitnehmen kann. Aber ich könnte ihnen auch etwas mitgeben. Zum Beispiel hat mich die Antwort des ebenfalls contergangeschädigten Regisseurs auf die Frage, was er sich wünschen würde, sehr erstaunt.
Die Frage, von einem für die Aktaufnahmen angeworbenen Conterganer im Rollstuhl gestellt, lautete: “Was wünschst du dir?”
Nicos Antwort: “Ich wünsche mir, glücklich zu werden.”
“Bist du nicht glücklich?”
“Nein… bis jetzt noch nicht.”
Lieber Nico, sollte ich einmal die Ehre Deines Besuchs hier in meinem Blog erhalten, möchte ich Dir verraten, wie man es schafft, glücklich zu sein. Eigentlich ist es ganz einfach – Du musst nur die Prioritäten anders setzen und die Vergleiche Deiner Person oder Deiner Situation mit denen anderer Menschen anders ziehen.
“Glücklich werden” ist doch kein Wunsch, den das Christkind, ein Wunder oder auch irgend ein Mensch erfüllen kann. Ob ich glücklich werde und bin, das liegt doch nur ganz allein an mir selbst!
“Glücklich werden” ist ein Zustand, den man nie erreicht, denn der liegt in der Zukunft.
“Glücklich sein kann ich aber sofort und jetzt.
Jetzt kommt sie, meine Anleitung zum Glücklichsein:
– Du bist mit Dir allein… mache Dir (schriftlich oder laut ausgesprochen) bewusst, worauf Du stolz bist: Menschen, Dinge, Fähigkeiten, Kleinigkeiten, die Dich zum Lächeln bringen.
– Vergleiche Dich nicht mit anderen Menschen. Habe keine Vorbilder!
– Wenn Du das Vergleichen nicht lassen kannst, schaue nicht nur voller Neid auf den anderen Menschen, sondern schaue auch einmal, was der andere nicht hat. Oder anders ausgedrückt: Betrachte Dich einmal mit den Augen Dritter und überlege Dir, worum Dich andere Menschen beneiden. Ich habe zwei wundervolle Kinder, während andere in meinem Alter viel Geld haben, um das ich sie beneiden könnte, aber kinderlos sind.
– Nico, Du haderst mit Deinem Aussehen und schämst Dich wegen Deiner kurzen Arme. Kaum ein menschlicher Körper ist perfekt. Kaum ein Mensch ist mit sich selbst und seinem Körper zufrieden. Den einen stört seine große Nase, den anderen die zotteligen Haarfransen. Du hast kurze Arme, ich habe gar keine – na und? So ist das nun einmal. Unsere Mitmenschen stören sich nicht daran, warum tun wir es dann? (Und die, die sich daran stören, interessieren mich nicht die Spur!)
Soll ich Dir einmal etwas verraten? Du gefällst mir! Du bist schlank und Du hast ein sympathisches Gesicht! Und wenn Du lächelst oder lachst, könnte ich dahin schmelzen.
Du hast nur diesen einen Körper und der ermöglicht es Dir zu leben. Liebe Dich selbst! Schau in den Spiegel und registriere, was Du an Dir selber schön findest. Ich glaube Dir nicht, dass der ganze Kerl an Dir versteckt werden muss.
Frag einmal Deine Frau und Deinen süßen Sohn, was sie an Dir liebens-wert finden.
An Deinem Äußeren und an Deinem Wesen.
– Ganz wichtig!: Nimm die positiven Wahrnehmungen der anderen Menschen zu Deiner Person auf und an!
– Sei stolz auf Dich und Dein bisher Erreichtes! Selbst die Fähigkeit, mit dem Auto fahren zu können, erfüllt mich mit Stolz, denn ich kenne “normale” Frauen, die sich nicht zu fahren trauen.
– Egal, worum Du wen auch immer beneidest… was hindert Dich daran, dieses nicht auch zu erlangen oder zu erreichen?!
– Jeder Vorteil hat seine Nachteile und jeder Nachteil hat auch seine Vorteile.
Ignoriere die Nachteile und suche die Vorteile!
Leuten, die mich wegen meiner gänzlich fehlenden Arme bedauern, sage ich:
“Ich finde es gut, keine Arme zu haben, denn beim Schlafen wüsste ich ja nicht, wohin mit ihnen.
Im Winter habe ich nie kalte Finger und ich muss keine verlegten Handschuhe suchen.
Zur Begrüßung und zum Abschied muss ich niemandem die Hand geben.
Wenn du deine Füße auf dem Tisch hast, wirst du angepflaumt. Ich nicht.
”
Diese Filmsequenz nach dem Wunsch war nur kurz. Dennoch ist sie sehr lebhaft in meinem Kopf hängen geblieben. Ich habe automatisch angenommen, dass ein Mann, der zwar behindert ist, der aber seit fast dreißig Jahren verheiratet ist und einen intelligenten und aufgeweckten Sohn hat, der durch seinen Beruf, von dem viele Menschen träumen, Land und Leute, auch berühmte Menschen, kennen lernt, dass dieser Mann automatisch glücklich ist. Umso erstaunter war ich über seine knappe Antwort, dass er sich wünsche, glücklich zu werden.
Zu werden… darüber grüble ich besonders…
Was aus diesem Film ist Euch, liebe Leser, hängen geblieben?
Wer oder was im Film hat Euch besonders beeindruckt, berührt, verwundert?
Welche Frage(n) hat der Film in Euch aufgeworfen?

Mittwoch, 11. August 2010 um 14:52
Schade, ich habe den Film leider nicht sehen können. Hätte es sehr gerne, aber … Gut das ist eine andere Geschichte.
Deine Ausführung zum Glücklichsein passt nicht nur für Nico und ich werde sie mir hinter die Löffel schreiben. Denn auch mir täte dieses Quentchen Selbstachtung gut und die suche ich noch und die braucht man zum Glücklichsein.
Gise sagt: Ja, sich selbst zu lieben und zu achten ist wichtig.
Ich weiß nicht, warum Menschen den negativen Eindrücken und den negativen Äußerungen anderer Menschen weitaus mehr Beachtung schenken als den positiven Dingen. Eine negative Äußerung zieht einen kilometertief hinunter, während tausend Lobs und Komplimente verächtlich in den Wind geschlagen werden. Schon merkwürdig, oder nicht?
Ich bekomme eine DVD mit dem Film geschickt und wenn Du magst, komme ich zu Dir und wir kucken ihn uns gemeinsam an. Er bietet echt viel Diskussionsstoff.
Mittwoch, 11. August 2010 um 19:09
Ich denke Zufriedenheit ist die stabile Basis. Glücklich sein ist ein Gefühl und Gefühle kommen und gehen. Den Film werde ich mir auch mal anschaun. Du hast mich jetzt richtig neugierig gemacht.
Mittwoch, 11. August 2010 um 22:17
kann allem nur zustimmen.
gut geschrieben, Gise!
Mittwoch, 11. August 2010 um 23:14
Ich hab’s erst heute gelesen und nachdem ich mir gerade den Trailer angeschaut habe, würde ich eigentlich auch gern den ganzen Film sehen. Schade… Du würdest nicht zufällig auch zu mir Film gucken kommen? *fg*
Ansonsten würd ich dir eigentlich voll und ganz zustimmen… Ein bisschen könnte ich dem Wunsch, glücklich werden zu wollen, gerade nachfühlen. Das muss ja nicht unbedingt behinderungsbedingt sein. Mitunter möchte man gern mehr vom Leben – ob behindert oder nicht – und kann einfach nicht… warum auch immer…
Achja… *seufz*
Liebe Grüße
Sandra
Freitag, 13. August 2010 um 18:25
so, jetzt hatte ich endlich Zeit, mir den Film, den ich aufgenommen habe, anzusehen. (Himmel, welcher berufstätige Mensch soll bis nach 24:00 fernsehen??? Ich kann das nicht
)
Gise, ich muss allem oben gesagtem zustimmen! nur wer sich selber so mag, wie er / sie eben mal ist, kann auch andere mögen und glücklich sein.
Mir hat die ästhetische Provokation, die es ja wohl sein sollte, gefallen. Zu zeigen, schaut, wir haben das eine oder andere körperliche Problem, sind aber ansonsten ganz genauso menschlich wir alle anderen. Und so wollen wir gesehen werden!
Und weißt du, was mir ganz besonders gut gefallen hat? Die Fröhlichkeit am Ende des Films beim gemeinsamen Essen. Die war so ansteckend, da musste ich mitlachen.
LG
Gabi K
Freitag, 13. August 2010 um 21:11
Liebe Gise,
leider hab ich den Film nicht gesehen. Deine Gedanken zum Thema Glück sind gut, aber ich denke, wie man empfindet, was man für Glück hält, liegt in jedem Menschen selbst.
Ich hätte niemals gedacht, dass ich ohne meinem geliebten Mann weiterleben kann. Aber zum einen gibt es meine Kinder und Enkel, die schon Opa und Vater verloren haben … zum anderen das Gefühl, ich muss für meinen Mann weiterleben. Glück waren die Jahre, die ich mit ihm teilen durfte. Glück ist die Blume, die such durch den Asphalt drängt … meine Katze, wenn sie mir entgegenläuft … der Regentropfen auf dem Rosenblatt und so unendlich viel mehr …
Liebe Grüße,
Andrea