Kategorie: behindert?
Gewöhnungsbedürftig
Gestern hat sich meine Vermutung bestätigt – meine Tätigkeit als Integrationshelferin endet zum Monatsende.
Beim gestrigen Gespräch mit der zuständigen Erzieherin des Integrationskindes kam noch etwas zu Tage, was ich schon die ganze Zeit gespürt habe… man hatte Probleme damit, dass ich beim Essen meine Füße auf dem Tisch habe. Erst recht, wenn ich mit meinen Füßen am Essen der Kinder war (Banane anschälen, Vesperdose öffnen).
Gut, welche Einstellung Erwachsene zu Füßen haben, das kann ich nicht beeinflussen. Aber müssen denn die Erwachsenen ihre Unsicherheiten und Schwierigkeiten im Umgang mit besonderen Situationen auch auf die Kinder projizieren? Aussage der Erzieherin: “Weißt du, uns ist schon klar, dass du nicht anders kannst als mit den Füßen, aber wir brauchen Zeit, uns daran zu gewöhnen, dass du Essen eben mit den Füßen anfasst. Auch die Kinder müssen sich daran gewöhnen.”
Grundsätzlich gilt, dass Kinder zunächst einmal neugierig und wert-frei an für sie neue Situationen herangehen. Die Wertung übernehmen sie von uns Erwachsenen.
Dazu habe ich erst diese Woche eine nette Sache erlebt: Ein Vorschulmädchen kam ganz aufgeregt angerannt: “In der Kuschelecke ist eine Spinne, macht sie weg! Schnell, die Spinne muß weg!”
Ich: “Warum denn? Gib ihr einen Namen und fütter sie!”
Das Mädchen hat mich ganz ungläubig angeschaut. Ich habe mir von ihr die Spinne zeigen lassen; sie war ja klitzeklein! Ich habe das Mädchen gefragt, ob die Spinne da in der Ecke stören würde. “Nein.” Dann habe ich es gefragt, ob es das Tierchen beschützen oder doch lieber entfernt haben wolle. In diesem Moment kam ein anderes Kind und das Mädchen rief: “Nein, du darfst jetzt nicht hereinkommen, die Lina braucht Ruhe!”
Hätten die Erzieherin und ich auf die Spinne negativ reagiert, hätte das Mädchen dieses übernommen. So kann man bei Kindern die Wertung der Dinge und Situationen beeinflussen:
- Füße stinken, Füße gehören nicht auf den Tisch oder Füße sind schön
- die Ausländer oder der Mensch Ali, Fatma…
- “du kannst das nicht” oder “versuche es”
- Spinnen und andere Tiere sind beängstigend oder interessante, harmlose Wesen
Da fällt mir ein, dass ein Kind wiederholt gezielt nach Spinnen gesucht und zertreten hat, mit der Begründung, dass diese Tiere “böse” seien. Gleichzeitig hat es sich sehr stark mit dem Thema “Gott und der Erschaffung der Welt” auseinandergesetzt. (“Gott hat die Menschen und die Gänseblümchen und die Sonnenblumen und das Gras und die Hunde und die Bäume und die Minka und das Pferd und die Enten… erschaffen, gell?”)
Ich habe das Kind, als es wieder einmal eine Spinne zertrat, gefragt, wer denn die Spinne erschaffen habe. Zögerliche Antwort: sie wusste es nicht so genau. Ich erklärte ihr, dass Gott alles, was lebt, erschaffen habe, so auch die Spinne. Und er liebe alles, was er erschaffen habe, die Menschen, die Blumen, die Tiere – und die Spinnen. Wenn sie ein Bild male, sei sie stolz auf ihr Werk. Wenn es jemand kaputt mache, wäre sie darüber traurig oder wütend. So fühle sich Gott, wenn jemand seine Spinnen tötete. Seit diesem Gespräch durften viele Spinnen am Leben bleiben. (Leider hat das Kind danach aber angefangen zu schreien, wenn es eine Spinne gesehen hat. Blöd gelaufen.)
Zurück zu meinem Thema: Mir ist bewusst, dass gerade erwachsene Menschen in ihren Meinungen und Wertigkeiten der Dinge manchmal gefangen sind. Ich möchte nicht wissen, wie vielen – oder doch nur wenigen? – Menschen in einer Gaststätte beim Anblick meines Fußes auf dem Tisch der Appetit vergangen ist. Aber das ist deren Problem.
Ich wehre mich nur dagegen, Kindern, die “komisch” kucken, zu unterstellen, dass sie mit meinen Füßen Probleme hätten und dieses dann auch noch zu verbalisieren: “Gell, das ist schon komisch, wie die Gise das macht. Dabei tut man doch die Füße nicht auf den Tisch…”
Übrigens… für alle, die vor Spinnen Angst haben oder sich ekeln… der Trick, dem Tier einen Namen zu geben und sich für es verantwortlich zu fühlen, der wirkt tatsächlich!
Genauso kann man den Trick anwenden, wenn man eine negative Einstellung zu den Füßen hat. Man muß meinen Füßen nicht gerade Namen geben und sie füttern, aber man kann seinen Gedanken eine positive Richtung geben. Man kann sich zu mir setzen und sich davon überzeugen, dass um mich herum keine Käse-/Stinkefüße-Wolke schwebt. Man kann sich meine Füße einmal genauer anschauen und feststellen, dass sie sauber und gepflegt sind. Zur Zeit sind die Zehennägel wieder einmal lackert, ansonsten sind sie immer kurz geschnitten und glänzend poliert.
Wie ist denn Euer Verhältnis zu Euren Füßen und denen anderer Leute?
Könnt Ihr zwischen angenehmen Füßen und den “Stinkefüßen” unterschiedlicher Menschen trennen oder sind für Euch Füße gleich Füße?
Welches Gefühl zu den Füßen vermittelt Ihr den Kindern?
Schlaflos
Ich kann nicht schlafen, so sehr hat mich das Gespräch mit der Frau aufgewühlt. Bemerkenswert finde ich noch ihre Aussage, sie habe mal in einer Behinderteneinrichtung gearbeitet. Da steigen in mir Phantasien hoch, die ich hier niederschreiben möchte.
In Behinderteneinrichtungen werden behinderte Menschen zumeist von nichtbehinderten Leuten unterrichtet, gepflegt, betreut, angeleitet… je nach Art der Einrichtung und Form und Schwere der Behinderung. Gerade behinderte Kinder sollen lernen. Damit meine ich sowohl das schulische Lernen als auch das Erlangen von Fähigkeiten, die den Kindern später ein weitestgehend selbständiges Leben ermöglichen soll. Das ist soweit auch völlig in Ordnung. Aber was ist mit den Gefühlen dieser Kinder? Was ist mit dem Recht auf Privatsphäre, auch in der Öffentlichkeit?
Jedem nichtbehinderten Kind gesteht man heutzutage das Recht auf ein “Nein” zu. Will das Kind einem Fremden zur Begrüßung keine Hand geben, lässt man es. Kinder dürfen in vielen Bereichen selbst entscheiden und schüchternen Kindern macht man Mut, eigene Wünsche zu äußern. Kinder, die sich nicht präsentieren wollen (“Zeig mal, wie toll du…”), lässt man in Ruhe.
Behinderte Kinder haben aber wohl akzeptieren zu lernen, dass sie nun mal oft im Mittelpunkt stehen und Gesprächsthema des Tages sind. So zumindest habe ich den Eindruck. Ob er stimmt, weiß ich nicht. Vielleicht arbeitet eine/r meiner Leser/innen mit behinderten Kindern und kann dazu mehr bericht(ig)en.
Angenommen, auf dem Friedhof ist eine Frau mit einem Kind. Plötzlich zeigt das Kind auf eine andere Frau und fragt laut: “Warum weint denn die Frau da?” Die erste Frau erklärt dem Kind, für die andere Frau gut hörbar: “Weißt du, da ist jemand gestorben, den die Frau furchtbar lieb hatte und jetzt furchtbar vermisst. Oder sie weint, weil ihr Erbe viel mickriger ausgefallen ist wie sie erwartet hatte. Weißt du was? Geh doch hin und frag sie einfach mal!”
Warum würde man das Beispiel vom Friedhof niemals so in real machen? Warum wird auf die Gefühle der weinenden Frau Rücksicht genommen, während wir Behinderte und – wie ich schon mitbekommen habe – beleibte Menschen keinen Schutz erfahren und suchen dürfen. Auf die Frage des Kindes, warum die Frau so dick sei, antwortete eine Mutter laut hörbar: “Entweder ist sie krank oder sie isst halt gerne.”
So, jetzt habe ich genug vom Grübeln. Inzwischen brennen mir die Augen vor Müdigkeit. Trotzdem bin ich auf Eure Meinungen gespannt – also her mit ihnen!
Entgegen kommen
Wieder einmal habe ich zu hören bekommen, dass ich auf Reaktionen der Kinder auf meine Behinderung schroff reagiert hätte. Man bat mich, den Kindern gegenüber mehr Verständnis zu zeigen. Nun stecke ich in einer Zwickmühle.
Ich weiß, dass ich gerade für die kleinen Kinder ein “Exot” bin. Hinzu kommt, dass ich gerade für die Kleinen ein absoluter Widerspruch bin. Dass man keine Hände – die meisten Kinder fragen mich nach meinen Händen, selten nach den Armen – hat, das geht in den Augen eines manchen Kindes überhaupt gar nicht, denn man braucht doch die Hände ständig. Manches Kind glaubt, ich würde scherzen und hätte meine Arme und Hände nur versteckt.
Andere kleine Kinder irritiert es, dass ich entgegen der üblichen Regelung meine Füße auf dem Tisch haben darf.
Seit ich denken kann, werde ich angegafft und auf meine Behinderung angesprochen. Und das nervt! Trotzdem bin ich stets bemüht, gerade den Kindern ruhig und geduldig entgegen zu treten. Mir fällt es nicht auf, wohl aber anderen, dass ich dennoch manchmal schroff reagiere. Dann werde ich zurechtgewiesen mit Äußerungen wie “Du als Behinderte musst doch damit rechnen, dass Kinder offen und neugierig fragen. Das sind doch Kinder, hab einfach mehr Verständnis für sie. Du musst das aushalten können.” So eine Äußerung empfinde ich als Respektlosigkeit mir gegenüber.
Nun meine Frage an Euch, meine Leser: Kann ich von den Eltern nicht erwarten, dass sie mich als Mensch wahrnehmen und respektieren und dies ihren Kindern vermitteln? In anderen Ländern wird dies gut umgesetzt. Ist es Euch auch schon aufgefallen, dass man im ausländischen Straßenbild viel häufiger auf behinderte Menschen trifft als hier in Deutschland? Im Ausland werde ich lange nicht so angestarrt und angesprochen wie hier in unserem Land. Darüber habe ich mich schon mit einigen nichtdeutschen Leuten unterhalten und sie haben mir erklärt, dass man zwar mit ihren Kindern über die Andersartigkeiten im menschlichen Aussehen oder Verhalten spricht, dass man aber den Kindern gleichzeitig vermittelt, auch diesen Menschen Respekt entgegenzubringen. Kinder können das sehr gut verstehen, denn sie alle haben irgendeine Eigenart, über die sie nicht gerne sprechen.
Um Euch einmal einen kleinen Einblick zu geben, was ich mit diesem Eintrag zu erklären versuche, bitte ich Euch, Euch in eine ganz bestimmte Situation in Eurer Kindheit hineinzuversetzen.
Welcher ist der allernervigste Satz, den ein Erwachsener einem Kind sagen kann? “Meine Güte, was bist duuu groooooß geworden! Als ich dich das letzte Mal gesehen habe, warst du noch sooooo klein!”
Stellt Euch das letzte Mal, als dies jemand zu Euch sagte, vor. Und nun versucht Euch zu erinnern, wie sehr es Euch genervt hat, diesen Satz schon wieder zu hören. Nicht schon wieder, dachtet Ihr damals, dabei weiß doch jedes Kind, dass Kinder wachsen.
Gebt mir bitte Feedbacks, ob Ihr verstehen könnt, was ich mit diesem Eintrag meine…
Sprachfehler?
Eben habe ich bei der Stadtverwaltung angerufen und wollte mich mit dem Sozialamt, speziell Eingliederungshilfe, verbinden lassen. Gelandet bin ich im Büro für Sprachkurse…
Blind
Ich danke Euch für Eure Mit-Freude! Ja, mit Kindern zu arbeiten hat mir schon immer viel Spaß gemacht. Dennoch habe ich Bammel davor wieder im Berufsleben zu stehen. Es sind nicht so sehr die Anforderungen, die mir Angst machen, sondern das, was sich unsichtbar zwischen Menschen abspielt… die Gefühle, die immer mit im Spiel sind, die ich aber nicht sehen und deuten kann. Ich höre zum Beispiel, was gesagt wird, merke aber nicht, was tatsächlich gemeint sein könnte.
Neulich habe ich im Fernsehen gesehen, dass ich nicht die Einzige bin, die sich mit Gefühlswelten schwer tut. Dafür gibt es sogar einen psychologischen Fachbegriff: Alexithymie… Gefühlsblindheit.
Ihr habt Recht, völlig gefühlsblind bin ich nicht. Dennoch habe ich Schwierigkeiten, gerade mit negativen Gefühlen umzugehen. Aber ich bin ja lernfähig. Immerhin habe ich schon gelernt, meine Tränen auch mal anderen Menschen zu zeigen.
Ich war ein körperlich und seelisch mißhandeltes Kind… da ist es kein Wunder, dass man gefühlsmäßig abstumpft. Da mir das nun bewusst ist, kann ich jetzt an mir arbeiten…
