Kabisa Gise – Blog

ganz und gar Gise

2008
Donnerstag
4
Dez

Schlaflos

Veröffentlicht von: Gise
um 01:54 Uhr
 

Ich kann nicht schlafen, so sehr hat mich das Gespräch mit der Frau aufgewühlt. Bemerkenswert finde ich noch ihre Aussage, sie habe mal in einer Behinderteneinrichtung gearbeitet. Da steigen in mir Phantasien hoch, die ich hier niederschreiben möchte.

In Behinderteneinrichtungen werden behinderte Menschen zumeist von nichtbehinderten Leuten unterrichtet, gepflegt, betreut, angeleitet… je nach Art der Einrichtung und Form und Schwere der Behinderung. Gerade behinderte Kinder sollen lernen. Damit meine ich sowohl das schulische Lernen als auch das Erlangen von Fähigkeiten, die den Kindern später ein weitestgehend selbständiges Leben ermöglichen soll. Das ist soweit auch völlig in Ordnung. Aber was ist mit den Gefühlen dieser Kinder? Was ist mit dem Recht auf Privatsphäre, auch in der Öffentlichkeit?

Jedem nichtbehinderten Kind gesteht man heutzutage das Recht auf ein “Nein” zu. Will das Kind einem Fremden zur Begrüßung keine Hand geben, lässt man es. Kinder dürfen in vielen Bereichen selbst entscheiden und schüchternen Kindern macht man Mut, eigene Wünsche zu äußern. Kinder, die sich nicht präsentieren wollen (“Zeig mal, wie toll du…”), lässt man in Ruhe.

Behinderte Kinder haben aber wohl akzeptieren zu lernen, dass sie nun mal oft im Mittelpunkt stehen und Gesprächsthema des Tages sind. So zumindest habe ich den Eindruck. Ob er stimmt, weiß ich nicht. Vielleicht arbeitet eine/r meiner Leser/innen mit behinderten Kindern und kann dazu mehr bericht(ig)en.

Angenommen, auf dem Friedhof ist eine Frau mit einem Kind. Plötzlich zeigt das Kind auf eine andere Frau und fragt laut: “Warum weint denn die Frau da?” Die erste Frau erklärt dem Kind, für die andere Frau gut hörbar: “Weißt du, da ist jemand gestorben, den die Frau furchtbar lieb hatte und jetzt furchtbar vermisst. Oder sie weint, weil ihr Erbe viel mickriger ausgefallen ist wie sie erwartet hatte. Weißt du was? Geh doch hin und frag sie einfach mal!”

Warum würde man das Beispiel vom Friedhof niemals so in real machen? Warum wird auf die Gefühle der weinenden Frau Rücksicht genommen, während wir Behinderte und – wie ich schon mitbekommen habe – beleibte Menschen keinen Schutz erfahren und suchen dürfen. Auf die Frage des Kindes, warum die Frau so dick sei, antwortete eine Mutter laut hörbar: “Entweder ist sie krank oder sie isst halt gerne.”

So, jetzt habe ich genug vom Grübeln. Inzwischen brennen mir die Augen vor Müdigkeit. Trotzdem bin ich auf Eure Meinungen gespannt – also her mit ihnen!

Dieser Beitrag wurde geschrieben am Donnerstag, 4. Dezember 2008 um 01:54 Uhr und wurde abgelegt unter "behindert?". Du kannst die Kommentare verfolgen mit RSS 2.0. Du kannst hier einen Kommentar hinterlassen, oder einen Trackback senden von deiner eigenen Seite.

5 Kommentare

  1. silvia:

    Ich bin groß und dick. Über solche Aussprüche rege ich mich schon lange nicht mehr auf. Manche lernen Toleranz halt nie … *achselzuck*, die bleiben aus Angst und Neid stets unter “ihresgleichen” – wie langweilig *gähn*.

    Es tut mir leid, dass Du soviel Lebenskraft an dieses Thema vergeudest. Ich hatte bei unseren Begegnungen den Eindruck, als ob Du sehr gut mit Nachfragen umgehen könntest. Jedenfalls bewundere ich, was Du alles für Dich erreicht hast. Respekt.

  2. leonilla:

    sogar die ärzte machen davor nicht halt.ich bin etwas zu dick(aber nicht fett),du kannst dich vielleicht an mich erinnern gise?jetzt war ich beim hausarzt wegen meiner arthrose,die ich schon seit 20 jahren habe und damit mal mehr oder weniger schmerzen.dato waren die schmerezn recht heftig und der arzt sagte zu mir wortwörtlich:”was soll ich jemandem raten,der sein problem nicht in den griff bekommt”.auf meine antwort,daß ich schon vor 20 jahren arthrose hatte,mit 20kg weniger,gab er mir keine antwort.
    mein mann würde ehute nicht mehr leben,wenn die frau von der zulassungsstelle(wegen verlängerung seines busführerscheins) nicht auf einem attest eines kardiologen bestanden hätte(da vor 15 jahren herzinfarkt).er mußte sofort 4 bypässe bekommen.die ärzte argumentierten bei beschwerden immer mit seinem übergewicht.
    grüßle marita

  3. isa:

    Gise,*lach* du hast einmal zu mir gesagt, dass wir gar nicht anders können, als im Mittelpunkt zu stehen, weißt du das noch? :-)
    Kinder sind Kinder, sie müssen Respekt, als gesellschaftliche Norm, erst erlernen. Es ist die Aufgabe der Erziehenden sich auf Themen einzulassen, die die Kinder beschäftigen. Früher nannte man das den “Situativen Ansatz”.

    Ich habe mich bei meiner Arbeit mit Kindern immer selbst eingeführt. Wir haben alle zusammen im Stuhlkreis gesessen und mal geschaut, wie unterschiedlich wir sind und was wer am Besten wie macht. So könnte auch besprochen werden, was wer nicht mag oder gerne hat. Wir haben viele Dinge ausprobiert und uns gegenseitig unterstützt.

    Sind so kleine Seelen offen und ganz frei…
    Wir müssen ihnen helfen, das Neue zu begreifen und einzuordnen, damit sie damit umgehen lernen können. Es gibt kaum Kindereinrichtungen an denen Menschen mit Behinderungen arbeiten und leider auch zu wenige, die alle Kinder, mit und ohne Behinderungen aufnehmen.
    Hab Geduld mit den Kleinen, damit sie nicht zu den Großen werden, die sich nervig und respektlos zeigen.

  4. Gernot:

    Hallo Gise,

    das Ganze hat für mich den Anstrich, als ob man den Kindern jeden Freiraum gewähren möchte und Dich in einer bestimmten Rolle mit festgelegtem Verhalten sehen möchte. Dabei bist Du doch die Expertin, was den Umgang mit Dir selbst angeht. Warum gesteht man Dir den Freiraum nicht zu, den die Kinder haben sollen?

    Gernot

  5. Melanie:

    Hallo Gise,

    ich kann mich noch sehr gut an meine Kindheit erinnern. Ja das “bist Du groß geworden” hat genervt. Weil ich die Erwachsenensicht nicht erklärt bekommen habe. Hätte man mir erklärt, das viele Leute nichts mit mir zu reden wissen und das als Floskel brauchen, hätte ich es vielleicht eher verstanden.

    Und ich glaube nicht, das gucken und fragen etwas mit intoleranz zu tun hat. Was hatte ich viele Fragen. Warum meine Kunstlehrerin einen Jeep fährt – früher hatte NIEMAND einen Jeep. Warum meine Freundin kein Schweinefleisch essen darf, aber anderes Fleisch. Warum die Nachbarin die zu Hause verprügelt wurde immer wieder zurück ist. Und ja, ich denke ich habe auch geklotzt. Denn einmal habe ich im Cafe eine Frau mit den Füssen trinken sehen. Das war einzigartig! Wie das geht, ob es nicht zu heiß ist…

    Ich weiß, Du hast Dir Dein “anders sein” nicht ausgesucht. Aber es fällt halt auf. Und Leute die Dich nicht kennen, empfinden es als “unnormal”. Das ist bei “kleineren” Dingen auch so. Schlimme Narben im Gesicht zum Beispiel. Nein, die Menschen sind nicht blöd oder sonstwas. Aber der Blick wird automatisch dort hingezogen. Bis man den Menschen kennt und sich “daran gewöhnt” hat. Dann sieht man es gar nicht mehr. Bist Du frei von solchen Dingen bei anderen?

Kommentar hinterlassen

XHTML erlaubte Tags: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

Kabisa Gise – Blog läuft unter Wordpress 3.1.2
Anpassung und Design für Gise von Gabis Wordpress-Templates