Kabisa Gise – Blog

ganz und gar Gise

2008
Sonntag
6
Apr

Illusion?

Veröffentlicht von: Gise
um 15:08 Uhr
 

Stell Dir vor, Du stehst in der freien Natur mitten auf einer Wiese. Ein Orchester spielt den Wiener Walzer. Du schmiegst Dich in die Arme Deines Liebsten, der Dich im Takt des Walzers über die Wiesentanzfläche führt. Die Männer unter Euch stellen sich natürlich vor, die Liebste sanft in den starken Armen zu halten, um mit ihr zur Walzermusik über die Wiese zu schweben.

Jetzt stell Dir vor, Du stehst ganz allein auf der Wiese. Du schließst die Augen und hörst in Deinem Kopf den Wiener Walzer. Du fängst zu tanzen an. In Deiner Phantasie führt Dich Dein Liebster/führst Du die Liebste über die Tanzfläche. Du fühlst Dich glücklich und ausgelassen.

Nun kommt ein Spaziergänger vorbei. Was sieht er? Eine Person hat die Arme erhoben, wie wenn sie jemand zum Tanzen halten würde und tanzt im Walzerschritt über die Wiese. Der Spaziergänger sieht nur Dich, sonst niemanden. Und er hört nur die Vögel singen und die Grillen zirpen. Was mag er sich bei diesem Anblick denken?

Mir ging es heute im Gottesdienst wie dem Spaziergänger. Ich war auf der Empore und habe mir die Menschen, den Pfarrer, die Ministranten und die Erstkommunionkinder angeschaut. Die einen haben inbrünstig gebetet, andere haben die Formeln gedankenverloren heruntergeleiert, wieder andere waren mit irgend etwas oder jemand anderem beschäftigt. Die Situation war für alle gleich. Es kam keine Feuerzunge von der Decke, um die Betenden zu segnen, und die Unkonzentrierten und Zweifler wurden von keinem Blitz erschlagen.

Was, wenn es gar keinen Gott gibt? Brauchen wir ihn überhaupt? Gibt es Wunder und gottgewollte Strafen oder ist alles, was passiert, wissenschaftlich erklärbar und rein zufällig?

Den Gottesdienstablauf kenne ich auswendig. Auch die Gebete und einige Lieder. Ich gehe gern in die Messe, aber ich kann nicht mehr mitbeten. Ich käme mir vor, wie wenn ich ins Leere reden würde…

Dieser Beitrag wurde geschrieben am Sonntag, 6. April 2008 um 15:08 Uhr und wurde abgelegt unter "Glaube". Du kannst die Kommentare verfolgen mit RSS 2.0. Du kannst hier einen Kommentar hinterlassen, oder einen Trackback senden von deiner eigenen Seite.

7 Kommentare

  1. Gernot:

    Hi Gise,

    ohne Zweifel vermitteln die Gottesdienste in der katholischen Kirche, das (angenehme) Gefühl zu einer großen Gemeinschaft zu gehören und nicht irgendwo verloren zu sein.
    Im Namen dieser Religion ist aber soviel Unrecht geschehen, z. T. mit Billigung oder gar auf Betreiben der höchsten Würdenträger, daß ich mich einem solchen Gottesdienst einfach nicht mehr unbefangen hingeben kann.
    Hinzu kommt, daß für viele, die sich dort hervor tun – genau wie Du schreibst – die Gebete und Formeln nur noch leere Worthülsen sind.
    Mein größtes Problem mit Religion ist aber, zu verstehen, warum der Gott der Christen ein anderer als der der Juden oder der der Moslems oder der der …. sein soll.

    Gise sagt: Gernot, ich trenne zwischen Gott selbst und den Menschen, die im Namen Gottes handeln. Menschen, die im Namen Gottes etwas Gutes oder Schlechtes tun, sind für mich kein Beweis für die Existenz oder Nicht-Existenz eines Gottes.

    Stell Dir vor, wir Menschen leben von uns aus nach den Lehren Jesu, weil es keinen Gott gibt. Jesus hat gelebt, das ist wissenschaftlich belegt worden. Auch seine Kreuzigung hat stattgefunden. Also war Jesus ein Mensch, der damals die Menschen mit seiner sanften, charismatischen Art in seinen Bann gezogen hat. Gehen wir einmal davon aus, dass Jesus ein Mensch war und kein Sohn Gottes, wie wunderbar frei müssten wir uns fühlen, wenn wir uns entscheiden, zu unseren Mitmenschen gut zu sein. Wir tun Gutes, weil wir uns dann gut fühlen und nicht, weil uns das Himmelreich winkt.
    Verstehst Du diesen meinen Gedankengang?

    Warum glauben Menschen an einen Gott? Die meisten tun es, weil schon ihre Großeltern an ihn geglaubt haben und ihre Eltern es tun und/oder weil sie Angst davor haben, bei Zweifel letztendlich doch in der Hölle zu landen.

    Wenn es Gott gibt, dann macht er unter den Menschen bestimmt keine Unterschiede.
    Bei Mara Thoene habe ich ein treffendes Zitat gefunden:

    “Der große Geist ist der Gott aller Menschen, des roten und des weißen Mannes.”
    Chief See-at-la – Häuptling der Suquamish- und Duwamish-Indianer

    Und wenn es mehrere Götter gibt, dann verstehen sie es gut, sich zu vertragen oder bei Rivalitäten uns Menschen nicht mit hinein zu ziehen…
    ;)

  2. Gabi K:

    Gott ist das, was man in ihm sieht, oder worin man ihn sieht. Im weitesten Sinne die Schöpfung und die Liebe.

    Die Strafen, denke ich, haben sich Menschen ausgedacht, um über andere Menschen Macht zu erlangen. Formaln und vorgegebene Gebete und Lieder sind für die, die “Hilfe” zum Glauben brauchen.

    Und, ich kann mir nicht vorstellen, dass Gott ein Anderer ist bei Juden oder Moslems oder welchem Menschen auch immer.

    Gise, geh auf die Wiese und tanze. Die Musik kommt dann schon.

    LG
    Gabi K

    Gise sagt: Gabi, das ist die Frage… darf ich mir einen Gott basteln wie ich ihn haben will? Wenn es tatsächlich keinen gibt, dann darf ich das. Und wenn es einen gibt, dann ist er bestimmt ganz anders als wir ihn uns vorstellen.

    Wenn ich der einzige Mensch auf der Erde wäre, gäbe es kein Gut und kein Böse. Egal, was ich mir antue, tut mir unmittelbar gut oder bekommt mir schlecht.
    Sobald ich es mit anderen Menschen zu tun habe, bekomme ich das Echo von ihnen. Bin ich gut zu ihnen, danken sie es mir. Die meisten zumindest. ;) Und dann wiederum geht es mir wieder gut. Damit das gute Gefühl anhält, bin ich weiterhin gut und nett zu meinen Mitmenschen.
    Das ist meine freie Entscheidung und das finde ich viel besser als wie wenn ich nur deshalb Gutes tue, weil ich Gottes Zorn und die ewige Hölle nach meinem Ableben fürchte.

  3. Isa:

    guten Morgen Gise

    Gute Frage: “darf man sich einen Gott basteln?”
    Religionen tun das ja schon irgendwie.
    Georg Danzer sang in seinem Lied: …und Gott statt Religion und dann ist Frieden…
    dem kann ich mich anschließen.

    Ich glaube nicht an einen personifizierten und schon gar nicht an einen abstrafenden Gott.
    Ich glaube, dass nicht wenige Menschen erst mal lernen müssten zu sich selbst gut zu sein. Das fällt vielen schwer. Ich bin auch noch am Lernen.

    Sich selbst zu achten und zu lieben sehe ich als Grundstein für die Nächstenliebe. Es heißt ja auch:
    “Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.”

    Jemanden auf einer Wiese tanzen zu sehen, nach seiner eigenen Melodie, seinem eigenen Rhythmus wäre ein wundervoller Anblick für mich.
    Nehmen wir uns die Freiheit so zu tanzen! :-)

    Gise sagt: Isa, Du sprichst mir aus der Seele. Die Nächstenliebe ist ohne die Selbstliebe nicht möglich. Und sich selbst so zu lieben und anzunehmen wie man ist, fällt auch mir manchmal schwer. Aber ich krieg das hin, da bin ich zuversichtlich.

    Übrigens kommen meine Zweifel an Gott nicht nur von dem Atheisten, mit dem ich öfter darüber diskutiert habe, sondern auch von dem Roman “Sofies Welt” von Jostein Gaarder. Da wird wunderbar beschrieben, wie Gott immer mehr an Macht verliert beziehungsweise wie er immer abstrakter wird, je mehr die Menschen in der Lage sind, Naturphänomene wissenschaftlich zu erklären.

    Die Freiheit, nach meinem eigenen Takt zu tanzen dürfte wie mir auch vielen anderen schwer fallen, denn… was sollen denn die Leute von mir denken?

  4. Beate:

    Liebe Gise!
    Dein Eintrag berührt mich sehr.
    Ich glaube nicht an einen strafenden Gott.
    Ich glaube nicht, dass er sich außerhalb unserer Seele finden lässt. Also ein ganz individueller Gott, oder wie wir diese Kraft auch immer nennen wollen.
    Er oder es lässt sich nicht personifizieren und
    sicher nicht in dogmatische Glaubenssätzen hineinpressen.

    Ein Text von mir passt zum Thema:

    Du bist das Alles in allem

    Kein Name kann dich je beschreiben
    und dennoch trägst du alle Namen
    und alle Namen tragen dich in sich

    Kein Wesen kann dich je erfassen
    und dennoch bist du Teil von allem
    und alle Wesen sind ein Teil von dir

    Kein Gedanke kann dich je erahnen
    und dennoch spüre ich dich ganz in mir
    und alles was mich ausmacht ist in dir.

    Du bist das Alles in allem
    Beate Neufeld
    27.05.07

    Herzliche Grüße von:
    Beate

    Gise sagt: Liebe Beate,
    vielen Dank für Dein Gedicht. Ich denke, damit sprichst Du mir aus der Seele, denn ich glaube, dass es etwas zwischen Himmel und Erde gibt, das kein Naturwissenschaftler erklären kann… irgendwelche unerklärliche Kräfte und Energien.

    Bitte beachten: Beate ist die Autorin des obigen Gedichtes und daher bitte ich Euch, das Urheberrecht zu beachten. Danke.

  5. Isa:

    hallo Gise,

    ja, Sofies Welt habe ich auch gelesen. Jostein Gaarder zweifelt an irdischen Vorstellungen von Gott.

    Er schrieb auch das Buch: Durch einen Spiegel, in einem dunklen Wort. Kennst du das auch?
    Da liegt ein Mädchen im Sterben und kommuniziert mit einem Engel über Gott und die Welt. Der Engel wünscht sich körperliche Erfahrungen machen zu können. Er will unbedingt wissen, wie das ist. Das Mädchen will das geistige erfahren. Irgendwie spüren beide, dass man nur das erfahren kann, was einen gerade ausmacht. So bleibt dem Engel der Glaube an seine Vorstellung von Mensch sein und dem Mädchen der Glaube an das geistige.

    Was bleibt ist ein großes:
    Ja, ich darf den Gott der Religionen kritisieren! Ja, ich darf an Vorstellungen zweifeln! Ja, ich darf meine eigenen Erfahrungen machen, meine eigenen Schlüsse ziehen, meinen eigenen Weg finden!
    Ich kann aber nur das finden, was ich auch in mir trage.

    Gise sagt: Ich glaube, das Buch werde ich mir einmal besorgen, es hört sich sehr interessant an.

    Ansonsten kann ich Deinen Worten nichts hinzufügen. Danke für die Denkanstöße! :-)

  6. Gabi K:

    Zitat:”je mehr die Menschen in der Lage sind, Naturphänomene wissenschaftlich zu erklären.” Zitat Ende

    Das ist ja das faszinierende, gerade die ganz großen Wissenschaftler glauben an eine Macht, die all das Wunderbare erschaffen hat. Die meisten Menschen nennen es Gott, welche Übersetzung man auch nimmt.

    Das meinte ich mit der Bemerkung “Gott ist das, was man in ihm sieht, oder worin man ihn sieht. Im weitesten Sinne die Schöpfung und die Liebe.”
    Irgendwie muss (will??) man es ja nennen.

    Nur kann ich mir Gott nicht personifiziert oder vermenschlicht, also strafend, vorstellen.

    Spannende Diskussion hier!

    LG
    Gabi

  7. Gernot:

    Hi Gise & die anderen,

    im Prinzip sprichst Du im Eintrag doch zwei Dinge an: a.) Gibt es Gott? und b.) Wie ist das mit Religion und Kirche?

    Kirche und Religion halte ich für Menschenwerk. Bestenfalls der Versuch eine moralische Richtlinie für das (Zusammen-)Leben zu entwickeln und eine Institution zu etablieren, die diese weiterentwickelt. Im schlechtesten Fall der Versuch, Macht zu gewinnen und Herrschaft zu erlangen. Die Existenz von Jesus stelle ich nicht in Frage, aber ich sehe seine Person in diesem Kontext. Ihn selbst durchaus positiv, negativ, das was die folgenden Generationen daraus gemacht haben und was in seinem Namen alles geschehen ist.

    Gott, wie ihn die Kirche lehrt, d.h. mit Sünde, Strafe usw., gibt es daher für mich nicht.

    Vielleicht gibt es ja Gott wirklich. Dann aber anders als die Religionen uns das lehren und anders als die Naturwissenschaftler die Entstehung der Welt erklären.

    LG

    Gernot

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