Abschied
Ich danke Euch ganz herzlich für Euer Mitgefühl. Der plötzliche Tod meiner Mutter lässt mich nicht kalt, auch wenn ich jeden Kontakt zu ihr abgebrochen habe. Von daher tut es gut, von Euch seelischen Beistand zu erhalten.
Mit dem Bloggen habe ich damals begonnen, um meine Kindheit und meinen Konflikt mit meiner Mutter mit Eurer Hilfe aufzuarbeiten. Doch das Bloggen ist etwas ganz anderes als ein Tagebuch zu führen. Die Mittel, die mir nun zur Verfügung standen (eigene Websites zu erstellen, digital zu fotografieren und die Bilder noch am selben Tag einer Masse von Menschen zu zeigen, usw.) und die Möglichkeit, Menschen kennen zu lernen, drängten meinen Konflikt mit der Mutter total in den Hintergrund.
Vor etwa 15 Jahren habe ich den Kontakt zu meiner Mutter nach einer gerichtlichen Auseinandersetzung mit ihr komplett abgebrochen. Dass ich gegen meine eigene Mutter überhaupt klagen musste, war mir der Gipfel. Und danach ihr Gerede, dass mein Vater und mein damaliger Mann mich gegen sie aufgehetzt hätten, hat mir das Fass zum Überlaufen gebracht. Ich musste mich schützen, um nicht seelisch kaputt zu gehen.
Die ganzen Jahre über dachte ich immer wieder darüber nach, mit ihr wieder in Kontakt zu treten. Doch diesen Gedanken verwarf ich immer sofort wieder, denn ich hatte das Gefühl, dass sich an ihrem Bild von mir nichts geändert hätte.
Als meine Mutter Anfang des Jahres in ein Krankenhaus hier in Stuttgart kam, sah ich eine gute Möglichkeit, ihr auf neutralem Boden zu begegnen. Ich besuchte sie zwei oder drei Mal, doch mit jedem Besuch wurde ich wütender auf sie. Dass man in der Klinik bei ihr Schizophrenie mit Wahnvorstellungen feststellte, half mir nicht, ihr mit wenigstens neutralen Gefühlen gegenüber zu treten. Ich wollte, dass meine Mutter endlich aufhörte, in mir ein kleines, leicht manipulierbares Mädchen zu sehen, das vom Vater nur als Waffe im Krieg gegen sie losgeschickt würde.
Nach dem Krankenhausaufenthalt kam meine Mutter wieder nach Hause. Doch dort ließ sie sich wieder fallen und lag die meiste Zeit in ihrem Bett.
Zuvor in der Klinik ging es ihr gut. Sie war gut ansprechbar und knüpfte Kontakte zu Mitpatienten und Klinikpersonal. So dachten wir, dass sie im Seniorenheim gewiss wieder aufblühen würde. Aber leider nahm sie dort recht schnell ihre apathische Haltung wieder ein. Mehr noch, sie fühlte sich dort nicht sicher und hatte das Gefühl, dass man ihr nach dem Leben trachten würde.
Dass sie nun ohne Vorzeichen und ohne zu leiden einfach tot umfallen durfte, war sicherlich gut für sie. Ich hoffe, sie hat jetzt ihren Frieden gefunden – in mir breitet er sich langsam aus. Erst jetzt, da sie tot ist, lässt mein Groll gegen sie nach. Ich denke, nun kann ich ihr verzeihen, denn ich glaube fest daran, dass sie ohne die organisch-chemischen Prozesse im Hirn jetzt alles sieht und versteht, was in ihrem Leben schief – und auch, was gut – gelaufen ist…

Donnerstag, 4. August 2011 um 22:21
Liebe Gise,
schön, dass Du wieder hier schreibst. Ich wünsche Dir für die kommende Zeit alles Gute. Vielleicht findest Du jetzt tatsächlich diesen inneren Frieden und kannst Dich noch über das Grab hinweg mit Deiner Mutter in Gedanken versöhnen. Ich wünsche es Dir.
Bis bald mal.
Lieben Gruß von Erika
Freitag, 5. August 2011 um 07:50
Liebe Gise,
mir ging es mit meiner Mutter auch so. Aber ich habe ihr (nach ihrem Schlaganfall) im wahrsten Sinne desd Wortes “Alles aufs Bett gekotzt” und dann für mich abgeschlossen.Und für mich ist es gut so.
Alles Liebe undnGrüßle
Rita
Freitag, 5. August 2011 um 19:28
gut dass du verzeihen kannst! So kann der Weg zu einer inneren Versoehnung mit dir selbst frei werden. Wenn du einen Schritt aus dir heraus machst und die Tochter der verstorbenen Mutter betrachtest, wird auch dir immer mehr klar werden: Diese Tochter konnte nie hoeren, was sie hoeren wollte und durfte nie fuehlen was sie so sehr gebraucht haette, weil ihre Mutter ihr nicht schenken konnte, was sie imgrunde nie hatte.