Alles okay
Natürlich ist meine Tochter gut angekommen. Morgen fährt sie allerdings wieder fort. Schon vormittags, aber spätestens zu Weihnachten ist sie wieder zu Hause. Und das gleich für ein Viertel Jahr.
Nein, Sorgen machen muß ich mir um sie keine. Sie ist nicht ängstlich und geht auch ihr unbekannte Situationen gut an. So wie den Wechsel von Winterreifen. Ich habe ihr geraten, in Ravensburg einige Händler und Werkstätten anzurufen und nach den Preisen für Reifen plus Montage zu fragen. Den Tipp, den KFZ-Schein parat zu haben, habe ich ihr auch gleich gegeben. Da ich den Reifenwechsel finanzieren darf, hatte sie natürlich den Auftrag, dem billigsten Anbieter den Zuschlag zu geben, aber ich habe meiner Tochter gleichzeitig auch die Möglichkeit gegeben, sich den ihr Sympathischsten herauszupicken. Natürlich ist dieser nicht gerade der Billigste, aber wenn meine Tochter dabei ein gutes Gefühl hat, ist das für mich völlig in Ordnung.
Diese Möglichkeit, eigene Entscheidungen zu treffen, die hatten meine Kinder schon von klein an. Wenn wir zum Beispiel fort fuhren und eins meiner Kinder meinte, es brauche keine Jacke, nicht verstehend, dass Sonnenschein nicht automatisch warme Temperaturen bedeutet, dann durfte es ohne Jacke gehen – aber ich habe sie mitgenommen. Natürlich hat mein Kind nach einer Weile gefroren und war froh, dass die Jacke in greifbarer Nähe war. Selbstverständlich kam mir dabei niemals ein herablassender Satz wie “Siehste, das hab’ ich dir doch gleich gesagt” über die Lippen. Wozu denn auch?
Wie sollen Erwachsene eigene Meinungen und eigene Geschmäcker entwickeln oder gar ihren eigenen Lebensweg finden, wenn sie das nicht schon als Kind erfahren und lernen durften?
Mein Sohn hat im zarten Alter von zwei Jahren zu puzzeln versucht. Es gibt ja diese Rahmenpuzzles für Kindergartenkinder. Mein Sohn hat die Puzzleunterlage einfach umgedreht, schräg gegen sein Schemelchen gestellt und die Puzzleteile darauf herunterrutschen lassen. Auch eine Spielmöglichkeit…
Meine Kinder zeigen mir jetzt, als junge Erwachsene, jeden Tag aufs Neue, dass ich Recht damit hatte, Kinder niemals zu erziehen, sondern sie auf ihrem Lebensweg zu unterstützen und zu begleiten und sie dabei immer mehr loszulassen…

Samstag, 1. November 2008 um 12:56
ich denke mal,erziehen kann man kinder sowieso nicht.man kann ihnen nur etwas vorleben und gegen vorhandene gene ist man auch machtlos.so wie ich die sache sehe,hast du deine sache ganz toll gemacht.herzlichen glückwunsch liebe gise!
grüßle leo
Gise sagt: Danke Leonilla!
Mein Erziehungsziel war, egal, welchen Lebensweg meine Kinder einschlagen, er soll niemals auf Kosten anderer sein! Mein Sohn hat in vielen Bereichen eigene Ideen entwickelt und die habe ich ihm nie unterbunden. Er musste selbst herausfinden, ob seine Ideen und Pläne ihn zum Ziel führen. Ein Beispiel ist die Schule: Mein Sohn hat in der Grundschule eine Aussage einer Lehrerin sehr wörtlich genommen. Die sagte nämlich, dass Hausaufgaben zum Einstudieren des Gelernten sei. Mein Sohn hielt sich aber für so intelligent, dass er nicht mehr üben müsse… meinte er und deshalb hat er selten Hausaufgaben gemacht. Das hatte Konsequenzen im Zeugnis und in der Grundschulempfehlung für die weiterführende Schule – mein Sohn “durfte nur” auf die Realschule. Das hat ihn sehr gefuchst und so schluderte er auch in der Realschule. Meine Appelle, dass er nach der Realschule mit einem guten Abschlusszeugnis aufs Gymnasium gehen könne, ignorierte er.
Doch dann habe ich Matze kennen gelernt, dessen Schulkarriere von der Hauptschule über Werkrealschule, da aufs technische Gymnasium bis zum Hochschulstudium reichte. Das hat meinem Sohn den nötigen Ansporn gegeben, sich in der Realschule ins Zeugs zu legen.
Jetzt ist mein Sohn in der 12. Jahrgangsstufe und er hat jetzt schon bessere Noten als seine große Schwester sie vor drei Jahren hatte. Sein Ziel ist, sein Abi bestmöglichst abzuschließen.
An diesen Punkt ist er allein hingekommen, ich habe ihn niemals gezwungen. Zu irgendetwas zwingen ließ mein Sohn sich eh nie… mit dem Dickschädel, den er hat…
Bei meiner Tochter war es anders. Sie war ein sehr zaghaftes Kind und ich musste ihr oft Mut machen, sich zu trauen. Bei ihr hatte ich echt Angst, etwas kaputt zu machen. Das Lied “Kinder” von Bettina Wegner schien mir ganz auf meine Tochter zu passen. Auch sie ist heute eine selbstbewusste, junge Frau.