Verwechselungen
Hier im Süden von Stuttgart wohnt eine Frau, mit der ich oft verwechselt werde. Egal, ob ich auf den Bus warte, beim Einkaufen oder auf der Bank bin, immer wieder werde ich angesprochen auf ein Ereignis oder einen Ort, wo man mich schonmal gesehen hat. Meistens merke ich sofort, dass man mich wieder einmal verwechselt hat. Tröstlich ist es zu wissen, dass ich damit nicht allein stehe.
Schon seit meiner Jugendzeit werde ich immer wieder und überall verwechselt. In meiner Heimatstadt sprechen mich Leute an, ob ich in eine ganz bestimmte Schule gegangen sei. Nein, ich war nicht in dieser, sondern in jener Schule.
Auf größeren Square dance Veranstaltungen werde ich gefragt, ob ich auch callen würde. Nee, ich habe das Callen lieber bleiben lassen, denn die Leute sollen beim Tanzen nicht gequält werden.
Hier in meinem Wohngebiet wurde ich schon mehrmals auf mein kleines Kind angesprochen, ob es schon laufen könne/zur Schule ginge, etc. Dabei habe ich zwei Kinder und die gingen schon auf weiterführende Schulen.
Warum werde ich denn laufend verwechselt? Nun, die Leute sehen “Aha, keine Arme, die habe ich doch schonmal gesehen.” Dabei gibt es deutschlandweit etwa 2800 Contergangeschädigte. Statistisch gesehen wäre es demnach “Glücksache”, wenn der Nicht-Conterganer auf einen Conterganer trifft. Man kann es sich wohl kaum vorstellen, dass man in seinem Leben gleich zwei oder drei Mal verschiedene Conterganer trifft.
Aber ein Mal, da hat mich jemand richtig erkannt. Zuerst habe ich der Frau wie üblich erklärt, dass hier im Süden Stuttgarts noch eine Frau ohne Arme lebt, aber sie meinte dann, dass sie mit meiner Schwester Gaby in der Schule war. In Schwäbisch Gmünd-Straßdorf. Das ist wirklich mal ein Zufall, dass sie mich noch nach Jahren und fern der Heimat wiedererkennt. Ich frage mich nur, ob sie meine “Leidensgenossin” (So ein blödes Wort, denn weder ich noch die anderen Ohnarmer leiden.) angesprochen hätte, wäre sie statt meiner an jenem Tag dort einkaufen gewesen.
Gaby, habe ich Dir jemals von dieser Begegnung erzählt? Sie nannte mir ihren vollen Namen, aber ich weiß nur noch Kerstin. Kennst Du eine Kerstin aus Straßdorf?

Freitag, 9. Mai 2008 um 11:02
Klar kenn ich eine Kerstin aus Straßdorf und die Welt ist ein Dorf: Kerstin ist wieder meine “Nachbarin”, unsere Kinder gingen in den gleichen Kindi.
Und Du bist nicht die einzigste die verwechselt wird. Ich habe mal mit einer Frau zusammen gearbeitet die mir so ähnlich war, daß uns unsere Eltern kaum unterscheiden konnten. Als wir beide dann auch noch Zwillinge bedienten, war das Chaos perfekt.
Ich kenne ja auch Deine “Zwillingsschwester” und ich habe sie auch oft mit Dir verwechselt.
Und doch sind wir EINZIGARTIG !!!
Gise sagt: Die Kerstin, die mich angesprochen hat, sagte mir aber, dass sie jetzt in Stuttgart wohne…
Montag, 12. Mai 2008 um 07:36
Hi Gise,
mit der Statistik ist es so eine Sache… eine überschlägige Rechnung mit der von Dir genannten Zahl von Conterganern ergibt, daß die Wahrscheinlichkeit auf einen zu treffen erheblich größer ist als ein 6er im Lotto, selbst für drei trifft dies zu – und es soll ja tatsächlich Leute geben, die im Lotto gewinnen. In Wahrheit liegt die Sache natürlich ganz anders: der eine ist ständig unter Leuten, die andere eher der stille Typ und trifft nur wenige, die eine hat einen Job bei dem sie täglich unterwegs ist und immer andere Menschen um sich hat, der andere arbeitet Jahr ein Jahr aus in einem kleinen Büro mit denselben Personen, usw. Wir haben mal in einer großen WG gewohnt, in der auch eine Rollifahrerin gelebt hat. Die wiederum hatte einen großen Bekanntenkreis (behindert wie nicht behindert) und innerhalb kurzer Zeit kannten wir mehr Rollifahrer als wir dachten, daß es im gesamten Umkreis gäbe. Wie gesagt, mit der Statistik ist es so eine Sache, man kann fast immer das rausholen, was gerade passt.
Und das mit den Doppelgängern – fast jeder hat einen!
Gernot