Kinderflüsterin
Wie Ihr wisst, arbeite ich inzwischen in zwei Kindergärten als Sprachhelferin für Kinder mit sprachlichen Defiziten. Wer mit Kindern zu tun hat, weiß, dass diese sehr unterschiedliche Temperamente haben können.
Im zweiten Kindergarten gehören zu meiner Gruppe ein Mädchen, von dem man mir sagte, dass es mit niemandem reden würde, und ein Junge, der sich an keine Regeln hält und auch Erziehern gegenüber oft sehr gewalttätig wird.
Mit dem sehr schüchternen Mädchen habe ich schon an meinem ersten Nachmittag im Kindergarten einen emotionalen Bezug herstellen können. Die meisten Kinder mögen es gekitzelt zu werden. Die Kleine habe ich unter dem Tisch ganz zaghaft am Knie und Schienbein gekitzelt.
Dann habe ich sie gefragt: “Soll ich damit wieder aufhören?”
Sie hat genickt.
Ich: “Oder soll ich weiterkitzeln?”
Sie hat zögernd genickt.
Ich: “Oder soll ich doch damit aufhören?”
Da hat sie ganz heftig mit dem Kopf geschüttelt und gegrinst.
Als das Mädchen von ihrer Mutter abgeholt wurde, habe ich dem Kind zum Abschied gesagt, dass ich bald wiederkäme und dass wir dann etwas Feines spielen könnten. Die Kleine hat mich angestrahlt, dass es mir richtig warm ums Herz wurde.
Eine Woche später hatte ich mehr den lebhaften Jungen im Visier. Mein Plan war, den Kindern eine einfache Geschichte zu erzählen, die die Kinder mit Orff-Instrumenten musikalisch untermalen durften.
Der Junge hämmerte wild auf ein Glockenspiel ein und wollte partout nicht zur Ruhe kommen. Strenge, fast laute Worte von mir ließen ihn kalt und ich merkte schon, wie das Blut in mir zu kochen begann. In solchen Situationen werde ich dann plötzlich ganz ruhig und überlege. Soll ich den “Störenfried” hinausschicken? Soll ich eine Erzieherin zu Hilfe holen? Nein, keine guten Ansätze.
Der Junge hatte sich inzwischen von den anderen Kindern gelöst und saß auf dem Boden. Ich habe mich blitzschnell hinter ihn gesetzt, ihn mit meinen Beinen fest umschlungen, an mich gedrückt und ihm mit fröhlicher Stimme mitgeteilt, dass wir nun die Geschichte gemeinsam erzählen. Zuerst versuchte er mir zu entkommen, doch er wurde plötzlich ganz ruhig, nachdem ich, ihn fest haltend, mit dem Erzählen der Geschichte angefangen habe. Der Junge benutzte sein Musikinstrument sogar getreu nach der Geschichte.
Nach dem Erzählen ließ ich das Kind kurz los. Es flüchtete ganz schnell weg von mir. Doch als ich ihm sagte, dass ich noch nicht fertig sei und ihm anbot, sich wieder zwischen meine Beine zu setzen, kam der ansonsten wilde Junge zu mir zurück und schmiegte sich lammfromm an mich.
Tja, Ihr Lieben, Ihr dürft mich Kinderflüsterin nennen.
Nicht nur die Erzieherinnen, sondern auch Mütter im privaten Umfeld, die mit ihren Kindern kaum fertig werden, sind jedenfalls ganz erstaunt, wie schnell ich es immer wieder schaffe, zu “komplizierten” Kindern einen guten Draht zu finden.
Vielleicht sollte ich doch noch in die Kinderpsychologie einsteigen…

Samstag, 17. Dezember 2011 um 16:45
da sieht man doch daß du den idealen beruf gefunden hast.– weiter so…
macht spass, deine erfolge zu hören.
lg
petra
Samstag, 17. Dezember 2011 um 19:13
och… du kannst auch ansonsten ganz gut flüstern…
Dienstag, 20. Dezember 2011 um 11:38
das hoert sich super gut an. Ich finde auch dass du genau am richtigen Platz arbeitest. Kinderpsychologe zu sein ist keine Garantie dafuer das fertig zu bringen was dir gelungen ist. Du bist mutig, geduldig, einfuehlsam und nicht zu vergessen Mutter! Die Mischung machts =)
Sonntag, 8. Januar 2012 um 20:10
habe gerade eine Gänsehaut bekommen und bin sehr berührt und angerührt… Habn bissie feuchte Augen