Kabisa Gise – Blog

ganz und gar Gise

2008
Freitag
18
Apr

Scheuklappe?

Veröffentlicht von: Gise
um 07:23 Uhr
 

Als Lady Di im August 1997 in Paris einen tödlichen Autounfall erlitt, hat mein Exmann diese Nachricht den ganzen Tag auf CNN mitverfolgt. Ich dagegen habe diese Nachricht zwar mit Betroffenheit aufgenommen, aber ich habe mich den Kindern und dem All- beziehungsweise Sonntag mit seinem täglichen Kleinkram gewidmet.

Als das Attentat auf das World Trade Center am 11. September 2001 verübt wurde, haben sich meine Kinder im Fernsehen die Sonderberichterstattung darüber angeschaut. Mich hat die Nachricht darüber ebenfalls schockiert, aber ich habe es vorgezogen, in der Küche aufzuräumen.

Weihnachten 2004 über waren meine Kinder bei ihrem Vater, als ein Tsunami fast eine viertel Million Opfer verlangte. Von dieser Katastrophe habe ich in den Radionachrichten erfahren.

Wenn eine Katastrophe passiert, reicht es mir, die kurzen Schlagzeilen zu kennen:
Was ist passiert?
Gab es Opfer?
Wer ist verantwortlich?
Hilfsmaßnahmen
Ich brauche keine ausführliche Berichterstattung mit Liveschaltung zum Ort des Geschehens und wieder zurück ins Studio, mit Aufzählung ähnlicher Katastrophen, Zahlen und Statistiken, mit Interviews von Opfern, Fachleuten und Augenzeugen. Und vor allem brauche ich keine Wiederholungen von Aufnahmen des Geschehens und der Interviews.

Im privaten Bereich ist es ähnlich. Ich weiß, was mir alles passieren könnte und wie ich mich vor dem einen oder anderen Unglück schützen kann, aber ich mache mir keine tiefergehenden Gedanken dazu.

Ich engagiere mich in keinerlei Hilfsprojekten, denn würde ich es tun, würde ich mich in unnötige Ängste hineinsteigern. Lieber genieße ich den Umstand, dass es mir und meinen Kindern im Moment gut geht und dass Minkas Körper die Nierenerkrankung so gut wegsteckt. Ich mag mich nicht jetzt schon damit befassen, was alles auf mich an Leid und Problemen noch zukommen könnte und wird. Damit kann ich mich auseinandersetzen, wenn der Fall der Fälle eingetreten ist.

Muß ich mir den Vorwurf, ich würde den Kopf in den Sand stecken, gefallen lassen? Den hörte ich gestern nicht zum ersten Mal…

Dieser Beitrag wurde geschrieben am Freitag, 18. April 2008 um 07:23 Uhr und wurde abgelegt unter "Ich". Du kannst die Kommentare verfolgen mit RSS 2.0. Du kannst hier einen Kommentar hinterlassen, oder einen Trackback senden von deiner eigenen Seite.

8 Kommentare

  1. ursel:

    Nein!
    Sei froh und dankbar , dass du im Hier und Heute leben kannst und es genießen.
    Das heißt jetzt nicht, dass ich meine man soll nicht planen oder man soll gar nicht über die Zukunft nachdenken. Aber es gibt Unabwendbares und wenn du es schaffst darüber nicht zu grübeln, kannst du froh sein. (Klingt das jetzt arg wirr?)

    Gise sagt: Ich kann Dir folgen. ;) Und ich stimme Dir zu.

  2. Melanie:

    Hi Gise, ich kann Dich gut verstehen. Mir geht sowas entweder a) zu nah oder b) ich fühle gar nichts. Im Fall B habe ich dann auch noch ein schlechtes Gewissen, weil ich denke man muß ja kaltschnäuzig sein wenn einen so ein Tsunami kalt lässt.

    Es gibt viele Dinge, zu denen es eine “richtige” Meinung gibt. Zumindest sieht ein Großteil der Bevölkerung es so. Das trifft auch hier auf das “Kopf in Sand” zu. Und blöd ist, wenn man sich dann nicht “richtig” verhält! So etwas halte ich aber für ziemlich ignorant, denn wer entscheidet über richtig und falsch? Woher weiß man warum jemand so ist? Und ist es ein “Verbrechen” wenn sich jemand “zu labil” fühlt für Horror?

    Ich denke jeder sollte so leben, das es ihm gutgeht und er dabei keinem anderen Menschen schadet. Und im Gegenteil, ich pers. mag Menschen nicht so gerne, die mir sagen ich würde falsch leben oder nur ihre Einstellung zur Sache XY sei die Richtige.

    Wer bestimmt was richtig ist? Ich? Die Familie? Der Großteil der Bevölkerung? Mein Chef? Die Politik? Die Wirtschaft? Die Kirche?

    Gise erinnert sich: Den Fall B kenne ich aus meiner Zeit als Jugendliche. Terroranschläge mit Todesopfern haben mich kalt gelassen, der Tod eines Schülers an meiner Schule sogar hat mich überhaupt nicht berührt. Ich kannte ihn nicht, wusste nicht einmal, wie er aussah.
    Als mir das einmal bewusst wurde, … Du weißt schon… Selbstzweifel und schlechtes Gewissen.
    Heute stehe ich dazu, dass ich nun mal nicht in Tränen ausbreche, keine Nachrichten und Berichterstattungen darüber in mich einsauge und kein Geld spende…

  3. Hannelore:

    Du hast eine bewundernswerte gesunde Einstellung zu den negativen Seiten des Lebens. Mir geht es ähnlich. Ich muss auch nicht in allen Einzelheiten solche Schreckenmeldungen mitverfolgen. Deswegen meide ich z.B. auch Talkshow im Fernsehen, weil dort in der Regel auch viel Negatives breitgetreten wird. Lass Dich von Deiner Umwelt nicht verunsichern, sondern bewahre Dir Deine positive Lebenseinstellung! Es gibt viel zu wenig Menschen, die so denken wie Du.

    Gise sagt: Hannelore, andererseits würden sich keine Hilfsorganisationen bilden und auch keine Spendengelder fließen.
    Jeder ist so wie er ist und ich finde, niemand hat das Recht, anderen Menschen ihre Gefühlslage vorzuschreiben.

    Übrigens, Hannelore, ich sehe gerade Dein Gesicht vor meinem geistigen Auge… relativ faltenfrei…
    Da fällt mir ein, dass Menschen mit einem sorgen-vollen Leben älter aussehen als sie sind – sie sind von Sorgen-falten gezeichnet. Wissenschaftlich wurde schon belegt, dass Menschen, die sich kaum Sorgen machen, jünger aussehen und bleiben als die, die sich über alles und jeden grämen.
    Wir beide kennen also das Geheimnis des Jungbleibens.
    ;)

  4. Brigida:

    Liebe Gise
    Nein im Gegenteil, ich glaube sicher nicht, dass du den Kopf in den Sand steckst…. So ähnlich gehts mir auch, wie du da schreibst. Ich hasse diesen Medienrummel und die Gier nach Katastrophen und Sensationen und die Ausschlachtung derselben….
    Was ich schlimm und makaber finde und dem ich nicht entgehen kann, aber furchtbar wütend werde ist, wenn ich auf der Autobahn bin und es ist ein Unfall passiert, dass dann beidseitig immer langsamer gefahren wird, nur um zu gaffen….
    Naja, da gäbe es noch viel zu sagen….aber eben…
    lg Brigida

    Gise sagt: Mein Exmann hat sich nicht nur Nachrichten bis zum Abwinken angeschaut, sondern er hat sich auch sämtliche Antikriegsfilme reingezogen. Du weißt ja, in solchen Filmen sieht man ja das Abschlachten der Menschen – nicht nur Männer, sondern auch Frauen und Kinder! – hautnah. Ich habe meinen Mann gefragt, wie er sich so etwas anschauen kann und er meinte, solche Filme dienen der Abschreckung. Was hat er sich aufgeregt, als ich ihm sagte, dass sein Verhalten auf mich wirke wie ein Pädophiler, der im Kinderschutzbund tätig werden würde…

  5. Gaby:

    Ich gebe da Brigida vollkommen recht. Es reicht doch wenn ich mich darüber informiere und mir eine Meinung bilde. Deshalb muß ich nicht ständig mir diese Bilder in sämtlichen Blickwinkel und Animationen und weiß sonst noch wie antuen. Allerdings gibt es auch Menschen die solche Katastrophen so besser verarbeiten können, wobei da die Grenze zur Sensationsgier auch sehr leicht überschritten wird.
    Und Gise Du bist nun wirklich ein Mensch der sehr viel Anteil nehmen kann, vorallem wenn Du dann auch wirklich helfen kannst. Aber vor dem Fernseher sitzen und die 10. Wiederholung anschauen hat keinem Opfer jemals geholfen.

    Gise sagt: Schwesterherz, genau das ist der springende Punkt: ich nehme großen Anteil in meiner unmittelbaren Umgebung und natürlich helfe ich auch, wenn ich kann. Zuhören kann auch schon sehr hilfreich sein und ich habe immerhin zwei Ohren. :D

    Jeder hat seine eigene Strategie, mit Problemen, Konflikten und Katastrophen umzugehen und das muß man einfach einander zugestehen und respektieren.

  6. Isa:

    hi Gise,
    diesen Medienrummel und das Ausschlachten von Katastrophen in Nachrichten bis hin zum Kinospektakel muss man sich ja auch nicht reinziehen. Das hat nichts mit Kopf in den Sand stecken zu tun. Das wirkt einfach einseitig und destruktiv. Wir brauchen viel mehr positive Nachrichten, um gesund leben zu können.

    So viele Kinder und junge Menschen werden zur Zeit dadurch ständig verunsichert. Sie brauchen Halt und Sicherheit in ihrer Gesellschaft, um ihr Leben in die Hand nehmen und gestalten zu können. Stattdessen weinen schon die Kleinsten nachts weil sie vom Untergang der bösen Welt träumen.

    Heute sind nicht nur Schulen an Kriseninterventionsstellen angebunden. Wenn ein Mitschüler sich tötet oder Ammok läuft, wird ein Krisenstab aufgerufen. Alle Betroffenen, egal ob Schüler Lehrer Elten Hausmeister Putzfrau, werden psychologisch betreut.
    Fall B von oben: gar nichts fühlen, ist genau wie vergessen, ein wichtiger Schutzmechanismus auf eine hilflose Situation. Eine Krisen-Betreuung hilft, die Inhalte des Traumagedächnisses aufzurufen, zu verarbeiten und so wieder abzuspeichern, dass sie nicht schadet.

    Das Verhalten von Menschen, die sich alles reinziehen, was die Medien zu bieten haben, kann vielleicht auch eine Suche nach Sicherheit sein. Schau deinem Feind ins Gesicht, damit du ihn erkennst und überwältigst, wenn er vor dir steht. Aus deinem Studium weißt du ja selbst, dass Menschen sich gerne mit Aggressoren solidarisieren. Das kennt man auch von Scheidungskindern, die entscheiden, sie wollen bei einem gewalttätigen Elternteil bleiben.

    UUps jetzt ist es aber lang geworden Grüße von Isa
    Sag mal: Du hast hier mal was über Donnerstage und Burzelstage geschrieben. Hattest du die Woche Geburtstag?

    Gise sagt: Ich habe immer versucht, meine kleinen Kinder vom Fernsehen fernzuhalten und ich bin froh, dass sie trotz Schreckensmeldungen in ihrer Lebenshaltung positiv denken und orientiert sind.

    Isa, ist es nicht herrlich, dass Dein Text hier in voller Länge erscheint und nicht wie bei myblog wegen Überlänge einfach im Nichts verschwindet? ;)

    Gestern habe ich meine Donnerstagshütetätigkeit wieder aufgenommen, mein Wiegenfest kommt also noch… :lol:

  7. isa:

    Ja, herrlich. ich wills mir aber trotzdem erst gar nicht angewöhnen Romane zu hinterlassen :-D

    Gise lacht: Ooooch wie schaaadeeee… :lol:

  8. gillian:

    Das einzigste, was ich an nachrichten hab an mich herankommenlassen war ein positives großes Ereignis als die 1989 Genscher in Prag in der deutschen Botschaft stand, seine Rede hielt und daraufhin die Wiedervereinigung stattfand. Da habe ich ein paar Tränen vergossen.
    Die anderen Sachen habe ich zwar mehrmals in den Nachrichten gesehen, weils ja immer wieder und wieder gebracht wurde. Es hat mich aber ehrlich gesagt zwar erschrec kt im Moment aber hat keinerlei ‘Spuren’ hinterlassen. Wenn wir uns das alles so zu Herzen nehmen würden gäb es nur noch depressive Menschen auf der Erde.
    Also, liebe Gise, mach Dir keine Gedanken darüber, wie Du mit Schreckensnachrichten umgehts. Wie Du siehst bist Du bei weitem nicht die einzigste die es nicht an sich rankommen läßt.

    Gise sagt: Ja, für positive Nachrichten bin ich auch auf jeden Fall empfänglich. Deshalb lese ich auch so gerne “Das Beste” von Reader’s Digest.

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