Zwiespalt
Heute Morgen habe ich schon eine Andeutung gemacht, dass zwischen meiner Mutter und mir schon seit Jahren ein großes Schweigen herrscht, das mich immer mehr belastet. Schon seit mehr als fünfzehn Jahren habe ich kein Wort mehr mit ihr gewechselt. Wie es dazu kam, will ich so kurz wie möglich zu erklären versuchen.
Als Kind verging kaum ein Tag, an dem meine Mutter mich nicht geschlagen und beschimpft hat. Ich denke jetzt im Nachhinein, dass sie nie mit der Enttäuschung fertig wurde, ein behindertes Kind geboren zu haben. Sie wollte es schlichtweg nicht wahrhaben und so lehrte sie mich das Handarbeiten und Vieles mehr. Grundsätzlich ist eine Förderung der Fähigkeiten äußerst löblich, aber ich musste akribisch genau und fehlerfrei arbeiten, ansonsten gab es Prügel und wüste Beschimpfungen: geistig behindert… dümmer als die Polizei erlaubt… hässlich… keiner wolle etwas mit mir zu tun haben.
Nach Einkäufen oder Verwandtschaftsbesuchen, bei denen ich mich mit Erwachsenen unterhalten hatte, bekam ich zu Hause zu hören, was für einen schwachsinnigen Blödsinn ich wieder einmal geredet hätte… meine Mutter hätte sich für mich in Grund und Boden geschämt.
Gut, abgehakt… sollte man meinen. Das Verhältnis sollte sich ja eigentlich normalisieren, wenn das mißhandelte Kind erwachsen ist und selbst eine Familie hat. Weit gefehlt. Nun war ich plötzlich meinem Mann hörig und der hätte mich gegen meine eigene Mutter aufgehetzt, als ich mich mit ihr über das Geld (ein nicht unerheblicher Betrag) das in ihrem Haus steckte, unterhalten wollte. Sie war nicht bereit, mir einen Teil des Hauses zu überschreiben, so dass ich gegen sie vor Gericht zog.
Das war im Jahre 1995 – und seitdem herrscht zwischen uns absolute Stille.
Ich gehe davon aus, dass meine Mutter psychisch krank ist. Sehr viel spricht dafür. Sie leidet zum Beispiel extrem an Verfolgungswahn. Trotzdem will ich von ihr wissen, ob ihr bewusst ist, was sie mir angetan hat. Und ich will herausfinden, wie sie mich heute sieht. Bin ich für sie immer noch das kleine, von meinem Exmann und von meinem Vater leicht manipulierbare Mädchen oder nimmt sie mich endlich wahr so wie ich bin: eine erwachsene, selbständige und selbstbestimmende Frau mit einem eigenen Dickschädel.
Meine Mutter hat vier Kinder großgezogen, aber ich bin nicht die Einzige, die keinen Kontakt mehr zu ihr hat. Nur noch ein Sohn schaut nach ihr.
Bevor ich das große Schweigen mit ihr beende, muß ich mir erst klar darüber sein, was ich von ihr erwarte.
Eins steht für mich aber jetzt schon fest: ihre Marionette spiele ich nicht mehr!
Eher bin ich bereit, den Kontakt zu ihr erneut abzubrechen.
Dann aber für immer.

Samstag, 14. März 2009 um 18:42
Liebe Gise,
meine Eltern leben nicht mehr, aber ich habe auch noch viel aufzuarbeiten, was meine Eltern und ihre Erziehung betrifft.
Kann dir also sehr nachfühlen.
Wenn du das Gespräch mit deiner Mutter suchst, dann erwarte nichts, gehe hin ohne Erwartungen, du könntest danach nur noch mehr verletzt sein. Schaue was passiert und dann entscheide für dich und dein Seelenheil.
Umarme dich und drücke dir die Daumen, dass es für dich gut wird, egal was passiert.
Liebe Grüße Roswitha
Gise sagt: Danke, Roswitha.
Ich erwarte von ihr nur eins: Sie soll begreifen, dass unser weiterer Kontakt einzig von ihrem Verhalten mir gegenüber abhängig ist. Will sie immer noch Macht über mich und mich “klein” haben, werde ich mich wieder von ihr abwenden. Es liegt also einzig an ihr… ihre Entscheidung.
Samstag, 14. März 2009 um 18:52
Liebe Gise,
was du von dir erzählst, ist so erschütternd, dass ich kaum Worte dazu finde.
Du wirst wahrscheinlich von deiner Mutter nicht hören, dass sie einsieht, dir so viel Schreckliches angetan zu haben. Geschweige, dass sie das bereut oder dich um Vergebung bittet.
Aber – sollte sie sich ihre massiven Fehler jemals bewußt machen – muss !!! sie einfach nur stolz auf dich sein! Und dir das sagen!
Erwartest du das von ihr?
Könntest du ihr vergeben?
Gise sagt: Ich erwarte von ihr nur, dass sie mich als eine erwachsene und eigenständige Persönlichkeit sieht. Tut sie das nicht… kann sie das nicht, werde ich ihr ruhig und bedauernd mitteilen, dass ich mich unfähig sehe, mich in ihre Welt einzulassen und deshalb den Kontakt wieder abbrechen werden muß.
Samstag, 14. März 2009 um 18:58
Liebe Gise,
es tut mir sehr leid, dass Du da so Schlimmes hast mitmachen müssen! Hast Du denn irgendeinen seelischen Beistand, der Dir helfen kann, mit allem fertig zu werden?
Ich finde es sehr lobenswert von Dir, wieder Kontakt zu suchen zu Deiner Mutter, aber ich bin Roswithas Meinung, dass Du Dir erstmal nicht allzu viel erhoffen solltest, damit die Ent-täuschung nicht nachher umso größer ist.
Ich bewundere Dich sehr dafür, wie Du das alles schaffst und meisterst und wie Du Deine Kids groß gebracht hast usw.
Ich denk an Dich! :herz2:
Herzlichst, Ruthie
Gise sagt: Liebe Ruthie,
für mich habe ich meine Kindheit schon lange verarbeitet, sonst hätte ich meine Kinder nicht so liebevoll in ihr eigenständiges Leben führen können. Und darauf bin ich mächtig stolz!
Ich will für mich nur herausfinden, wie sie mich heute sieht. Sie bekommt von mir die Chance, mir zuzuhören und zu begreifen, wer ich tatsächlich bin. Sagt sie nur ein Mal so etwas wie “mein Vater hätte mich gegen sie aufgehetzt”, bin ich weg.
Samstag, 14. März 2009 um 20:48
liebe Gise,
deine Erwartungen an dich und an deine Mutter sind für den Anfang sehr, sehr hoch gesteckt. Ich kann mich da auch nur Roswitha anschließen. Erwarte nicht so viel!
Du hast das Kind in dir gefunden und willst als dieses Kind vor deine Mutter treten. Tröste dein eigenes Kind erst einmal selbst, denn du wirst bei deiner Mutter, auf das Kind in deiner Mutter treffen. Das erzeugt die gleichen Gefühle wie damals.
Wenn du nicht mit weichen Augen auf dich blicken kannst, dann wird es sehr schwer zu akzeptieren, dass deine Mutter dir nie Mutter sein konnte. Gib dem Kind in deiner Mutter die Zeit und die Chance sich zu entwickeln, damit es überhaupt begreifen kann, wie es ihrer Tochter erging, dann habt ihr beide etwas davon. :herz2:
Gise sagt: Danke, Isa, für die Denkanstöße.
Weißt Du, manchmal glaube ich, dass meine Mutter wusste, was sie mir angetan hat, denn sie hat immer wieder betont, dass sie eine liebevolle und fürsorgliche Mutter sei, die ihre Kinder eben mit Gewalt auf deren rechten Lebensweg prügeln müsse. Misshandelnde Mütter würden ihre Kinder aus Hass und Spaß an der Freude quälen, hat sie uns immer wieder gesagt. Ich denke, meine Mutter stand ihren Wutausbrüchen oft hilflos gegenüber und sich helfen lassen wollte sie nicht, aus Angst, dass man auf sie als schlechte Mutter zeigen würde.
Samstag, 14. März 2009 um 21:00
Bin Tochter, suche seit Jahren mein Selbstbewusstsein.
Ich warte seit Jahrzehnten darauf, dass meine Mutter mir mal sagt: “Du, Tochter, ich liebe Dich und bin stolz auf Dich.”
Mehr und mehr lerne ich, mein Selbst in mir zu finden und mein kleines ICH, die Ungesehene, zu lieben, anzunehmen, und zu nähren, damit ich Erwachsene ein erfüllteres Leben habe.
Dies unabhängig davon, wie sich meine Mutter verhält – sie kann nicht anders. Sie ist in ihrem eigenen Netz gefangen.
Deine Zeilen, Gise, geben mir zu denken.
Da ich meine zu spüren, das Gespräch geht mit dieser Deiner großen Erwartungshaltung daneben.
Magst nicht eine Person als Gesprächsführer/Mediator mitnehmen, der alles etwas lenken könnte und die Emotionen herausnimmt/filtert?
Bzw. Eure beiden verschiedenen Sprachen (Gefühle) für den anderen übersetzt?
Für mich ist für ein gutes Gespräch zwischen Dir und Deiner Mutter sehr viel an Trauer, Leid aber auch z.T. Wut spürbar.
Diese Gefühle benötigen Raum
Da ist reden schwierig ….
Und zuhören auch ….
Und nachdem außer einem Deiner Brüder alle Kinder keinen Kontakt zu ihr haben (sicherlich nicht grundlos), könnte es sehr schwierig werden, das zu bekommen, was Du Dir erwünscht und erhoffst und erwartest.
Gise, bitte, nimm meine Zeilen nicht krumm.
Rona
Gise sagt: Liebe Rona, danke für Deine Worte.
Du hast Recht – ich bettle eigentlich um ihre Liebe. Ich möchte, dass sie mir sagt, wie stolz sie auf mich ist. Aber wenn ich meinem Bruder zuhöre, was er mir über unsere Mutter erzählt, dann werde ich auf meine Erwartungen an sie noch ewig warten müssen.
Ich muss umdenken. Ich muss, so wie es Isa sagt, selbst das Kind in mir trösten und pflegen. Von meiner Mutter muss ich mich abgrenzen. Als Mutter hat sie ausgedient, da kann sie mir nichts mehr geben, denn nun bin ich selbst Mutter. Aber als Frau und Mensch, auf dieser Ebene könnten wir miteinander kommunizieren.
Samstag, 14. März 2009 um 21:29
Liebe Gise,
erschütternd wie deine Kindheit verlaufen ist!
Mir fehelen die Worte!
Ich habe auch immer mal wieder “Sendepause” mit meiner Mutter gehabt. Immer hat sie versucht, mir ein schlechtes Gewissen zu machen. Hat lange gedauert bis ich das gemerkt habe! Nun ist sie seit 2005 tot. Ich konnte im letzten Jahr, vor ihrem Tod so einiges mit ihr aufarbeiten. Dies war aber nur möglich, weil sie durch ihre Krankheit sehr demütig geworden war.
Kann mich sehr gut daran erinnern, dass sie immer versucht hat mein Selbstbewußtsein zu drücken. Hat sie auch lange Zeit geschafft, leider.
Ich wünsche dir sehr, dass ihr beide einen Zugang zueinander findet. Aber hab keine zu hohen Erwartungen. Vor allem bleib du selbst und dir treu, alles andere hat keinen Sinn!
Liebe Grüße
Lucie
Gise sagt: Liebe Lucie, auch Dir danke ich.
Stimmt, meine Mutter hat immer versucht, mich an sie zu binden. Einerseits hat sie ja versucht, mich nach außen hin nicht als Behinderte erscheinen zu lassen – ich habe gelernt zu schreiben, zu sticken, häkeln und zu stricken, ich kann selbst essen und trinken und mich teilweise anziehen – aber auf der anderen Seite war meine Mutter dagegen, dass ich mir einen Anziehstab zulege. Sie war auch dagegen, dass ich von zu Hause ausziehe, um zu studieren. Und mit meinen Freunden, mit denen ich “gegangen bin” (so sagte man das früher, gell?
) oder gar mit (m)einem Ehemann war sie niemals einverstanden.
Meine Mutter hat mich ja nicht nur durch ihre Beleidigungen klein gehalten, sondern sie hat wie Deine Mutter auch versucht, mir ein schlechtes Gewissen zu machen und Dankbarkeit eingefordert. Wenn nichts half, hat sie gedroht, mich und sich zu töten. Einmal hat sie so eine Morddrohung auch gegen mein Kind ausgesprochen. Deshalb gab es für mich letztendlich nur noch die Möglichkeit, mich von ihr abzuwenden.
Ein Kontakt mit ihr funktioniert wahrscheinlich nur, wenn ich ihr als erwachsene Person und nicht als Kind gegenüber trete…
Sonntag, 15. März 2009 um 12:24
hallo Gise,
noch ein Nachsatz:
Wenn du versuchst die erlebte Misshandlung von deiner Mutter einmal von außen, im gesellschaftlichen geschichtlichen Rahmen anzuschauen sieht das eher so aus:
Kinder zu züchtigen und mit Strenge zu maßregeln war in den 50ger Jahren noch ein weit verbreiteter Glaubenssatz und ganz normal. Heute nennt man das Misshandlung.
Die Psychologie ist eine sehr junge Wissenschaft. So standen auch deiner Mutter für die Erziehung ihrer Kinder und für eine eigene Therapie kaum Möglichkeiten zur Verfügung.
Zunächstmal genauso hilflos stand man den vielen anormal entwickelten Kindern aus dem Conterganskandal gegenüber. Bis da hin hatte man Menschen mit Behinderung noch versteckt, statt sie zu fördern.