Kabisa Gise – Blog

ganz und gar Gise

2010
Montag
18
Okt

Einschläge

Veröffentlicht von: Gise
um 09:32 Uhr
 

Vor einigen Jahren schon habe ich bei Engelbert gelesen: “Die Einschläge kommen näher”. Damit meinte er, dass die Zahl derer, die man kennt – sowohl im Familienkreis als auch Politiker, Schauspieler und Musiker – und nun wegsterben, rapide steigt. Damals war dieses Gefühl aber weit weg von mir selbst. Doch seit einem knappen Jahr, seit mein Onkel (Bruder meines Vaters) verstarb, da spüre auch ich sie, die Einschläge, die mir immer näher auf die Pelle rücken.

Letzte Woche ist meine Patentante gestorben. Schon für die zweite von drei Geschwistern meines Vaters ist die Lebensuhr abgelaufen. Meine beiden Onkel, die Männer der beiden Schwestern meines Vaters, sind schon lange verstorben. Zu den beiden hatte ich überhaupt keine (Ver-)Bindung, zu deren Beisetzungen bin ich auch nicht hingefahren.

Meine Mutter ist die Mittlere von fünf Kindern. Da leben noch alle Tanten und Onkel.

Am Samstag war die Beerdigung meiner Tante. Schon auf der Fahrt nach Viereth war ich froh, dass Mbolle nicht mitgefahren ist. Sie war bei meiner Schwester in besseren Händen und bei deren Kinder in besserer Gesellschaft. Auf der Autobahn fuhr ich trotz Wasserwand vor mir doch sehr schnell. Manchmal musste ich schärfer bremsen, weil vor mir plötzlich Rücklichter aus der Gischt auftauchten oder weil jemand meinte, noch vor mir schnell langsam einen LKW überholen zu müssen. Gut, mit Mbolle im Auto wäre ich wesentlich langsamer und umsichtiger gefahren. Aber da ich später als geplant von daheim loskam, habe ich meinen 110 Pferden eben die Sporen gegeben.

Ich bin ja die A81 hoch gefahren und dann rüber nach Würzburg. Am Kreuz Biebelried hätte ich auf die A7 in Richtung Bamberg/Erfurt/Schweinfurt wechseln müssen. Es war aber ein Kreuz mit diesem Kreuz! Wäre ich nur meinem Gefühl gefolgt, auf der rechten Spur zu bleiben, dann wäre es perfekt gewesen. Aber das Kreuz Biebelried ist eine einzige Baustelle und ich habe mich von den Schildern irritieren lassen… so landete ich auf der A3 in Richtung weiß-nicht-mehr. Aber keine Panik, dachte ich, ich drehe einfach bei der nächsten Abfahrt um. (Die Gelassenheit des Alters macht sich schon bemerkbar… werde ich alt??? :shock: ) Es kam keine Ausfahrt, dafür erschien ein Schild, auf dem ganz unten stand: Bamberg schlagmichtot und 60 km. Mir war klar, dass ich dann von einer anderen Seite nach Viereth hereinkäme, aber Handyseidank ist das ja kein Problem. Doch mein Vater hörte sein Handy nicht klingeln und eine andere Nummer hatte ich nicht. Ich bin dann eben weiter- und auf der B505 nach Bamberg hineingefahren. In Gartenstadt habe ich in einer Tankstelle nach dem Weg gefragt und nochmal versucht, meinen Vater zu erreichen, der diesmal antwortete. Er hat meinen ersten Anrufversuch nicht gehört, den zweiten auch nicht, dafür aber eine meiner Cousinen.

Ein Cousin hat mir den Weg nach Viereth noch einmal beschrieben: zurück auf die Autobahn, dann in Richtung Schweinfurt die Abfahrt Viereth nehmen. Aha, hätte ich die Autobahn nicht so früh verlassen, wäre ich genau richtig gewesen.

Ich bin dennoch rechtzeitig zum Trauergottesdienst angekommen… kaum hat sich hinter mir die Tür geschlossen, bimmelte es zum Beginn der Andacht.

Eine Sache war merkwürdig… fast schaurig…
Als ich am Friedhof unsicher und langsam vorbeifuhr, war ich erleichtert, meinen Vater auf dem Weg zur Kirche stehen zu sehen, denn nun wusste ich, dass ich am richtigen Ort angekommen war. Ich habe schnell mein Auto geparkt und bin den Weg zur Kirche hochgeeilt. Ich fand es merkwürdig, dass mein Vater nicht auf mich gewartet hatte, denn er war nirgends zu sehen. Naja, dachte ich, vielleicht wollte er zum Gedenken seiner Schwester nicht zu spät zum Gottesdienst erscheinen und war, da er mich nun wohlbehalten angekommen wusste, schon in die Kirche vorausgegangen.

Nach der Beerdigung habe ich meinen Vater gefragt, warum er denn nicht auf mich gewartet hätte, doch er wusste von nichts. Er sagte, er hätte nicht nach mir Ausschau gehalten, denn er hätte mich eher erst gegen Ende der Beisetzung erwartet.

Wen habe ich denn dann auf dem Weg stehen gesehen? War da zufällig ein Mann, der zufällig auf jemand wartete und zufällig auch noch meinem Vater ähnlich sah? Gibt es so viele Zufälle auf einmal?

Eins weiß ich… hätte “mein Vater” da nicht gestanden, wäre ich anstatt mich zu beeilen eher unsicher suchend in die Kirche gegangen und somit wäre ich ein paar Minuten zu spät gekommen.

Natürlich war mein Vater innerlich unruhig und um mich besorgt. Für ihn bin ich eben immer noch die beschützenswerte Tochter. Er war richtig erleichtert, als er mich zur Kirchentür hereinkommen sah.

~ Fortsetzung folgt ~

Dieser Beitrag wurde geschrieben am Montag, 18. Oktober 2010 um 09:32 Uhr und wurde abgelegt unter "Familie". Du kannst die Kommentare verfolgen mit RSS 2.0. Du kannst hier einen Kommentar hinterlassen, oder einen Trackback senden von deiner eigenen Seite.

2 Kommentare

  1. isa:

    hej Blogtante, was lese ich da?!! :mrgreen:

    “Gut, mit Mbolle im Auto wäre ich wesentlich langsamer und umsichtiger gefahren. Aber da ich später als geplant von daheim loskam, habe ich meinen 110 Pferden eben die Sporen gegeben.”

    Dat darfste net tuun, Giseliese! Die Reise in den Himmel will verdient werden und du wirst hier unten schliesslich noch gebraucht.

  2. minibar:

    Bei Regen fahren, macht echt keinen Spaß – schon gar nicht zur Beerdigung. Obwohl dann das Wetter ja irgendwie passt.
    Ist ja schön, dass dein Vater sich noch so um dich sorgt.

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