Kindheitsprägung
Beate, Du hast Recht… dass ich ständig befürchte, mich anderen Menschen aufzudrängen… dass ich oft das Gefühl habe, unerwünscht und lästig zu sein, da liegt die Ursache in meiner Kindheit. Meine Mutter hat keine Gelegenheit ausgelassen, mir einzubläuen, dass kein Mensch sich mit behinderten Personen abgeben möchte. Niemals durfte ich jemandes Hilfe annehmen oder gar jemanden um Hilfe bitten: “Hast du dich dem/der … schon wieder aufgedrängt?” Ich durfte mich auch nie mit jemandem unterhalten oder mich in ein Gespräch verwickeln lassen, denn dann würde man sofort merken, dass ich auch noch geistig behindert sei. Die Tatsache, dass ich in der Schule keine Freunde hatte, bestärkte die “Richtigkeit” der Aussagen meiner Mutter.
Eine meiner Stärken ist, dass ich positive Äußerungen, Lob, Anerkennung und dergleichen annehmen und stehen lassen kann. Dadurch habe ich schnell kapiert, dass es keinen Grund gibt, mich nicht zu mögen. Meine Behinderung und die manchmal nötige Assistenz ist nebensächlich. Ich denke nicht, dass ich aufdringlich bin – dennoch ist mein Nervenkostüm manchmal sehr empfindlich und ich verkrieche mich, um ja niemandem auf “den Keks” zu gehen.
Gepaart mit dem Gefühl, jemandem lästig zu sein, kommt noch das Gefühl hinzu, mich durch ungebührliches Verhalten zu blamieren. Meiner Mutter war es wichtig, dass wir Kinder vor anderen Menschen niemals heulten oder Wut/Zorn zeigten. Deshalb kann ich mit launischen und wütenden Menschen nicht umgehen. Mehr noch, ich selbst traue mich nicht, vor anderen Menschen zu weinen, Angst oder auch Wut zu zeigen.
Ich präsentiere mich also meinen Mitmenschen immer als die starke, jede Situation meisternde, fröhliche Gise. Doch manchmal möchte sich auch die schwache, sich hilflos fühlende, ängstliche Gise blicken lassen, aber sie traut sich nicht, aus Angst, dass sich die Mitmenschen von ihr angewidert abwenden. Und die starke, die lachende Gise? Die sagt der schwachen, der weinenden Gise: “Neenee, wir gehen jetzt nicht vor die Tür.” Muß ich dennoch das Haus verlassen, dann versteckt sich die ängstliche Gise und man sieht nur noch die starke Gise, die darum kämpft, die schwache Gise daran zu hindern, sich in den Vordergrund zu drängen…

Samstag, 6. Juni 2009 um 19:05
Liebe Gise,
dass du eine körperliche “Behinderung” (ich hasse dieses Wort) hast, das weiss ich, dass du angeblich geistig auch behindert bist, davon habe ich bis jetzt noch nichts mitbekommen. Ich frag mich nur, wer dir das eingeredet hat. Es ist schlimm, wie oft Eltern ihre Kinder falsch prägen, auch wenn sie es meist nur gut meinen. Aber wenn ich deine Worte höre, dreht sich mir der Magen um. Wie kann man einem Kind sowas sagen. Leider wissen Eltern nicht, wie man später darunter zu leiden hat und wie schwer es ist, das wieder los zu werden, wenn sie solche Aussagen machen, und das immer wieder.
Ich glaube fest an dich, dass du es mit viel Geduld und Ausdauer schaffst, das zu bewältigen und zu ändern.
Merkst du eigentlich, dass du hier die schwache, ängstliche, sich hilflos fühlende Gise rauslässt? Ich finde das super und es ist ja schon ein Anfang, das hier zu schreiben, nicht jeder würde das tun. Auch mir fällt es nicht immer leicht, über meine Sorgen und manchmal wirren Gedanken in meinem Blog zu schreiben. Ich habe dann auch immer die innere Stimme in mir, die mir zuflüstert: “Das interessiert doch niemanden, wie es dir geht.”
Aber das stimmt nicht, und das merke ich immer wieder an den Kommentaren, die ich dann auf einen solchen Beitrag bekomme. Da gibt es Menschen, die ich real gar nicht kenne, die mitfühlen, Tipps geben und einfach Mut machen.
Bleib wie du bist und lass auch mal die andere Gise hervor, sie ist genauso liebenswert wie die starke. Wenn nicht noch mehr, weil sie menschliche Regung zeigt. Ich hoffe du verstehst was ich meine.
Alles Liebe und viel Kraft
Nina
Gise sagt: Liebe Nina,
ich habe mich einmal mit meinem Vater darüber unterhalten, warum er und meine Mutter mir so wenig zugetraut haben. Als ich etwa 14 Jahre alt war, habe ich im TV den Sissi-Film gesehen und wollte dann natürlich genauso wie sie in weißer Kutsche und so weiter heiraten. Meine Eltern haben mich sofort von den rosa Wolken geholt: “Vergiss es… wer wird denn dich jemals heiraten?” Einen Tanzkurs durfte ich auch nie machen, denn… Du ahnst es? “Wer will denn mit so einer wie dir tanzen?” Mein Vater erklärte mir, dass sie sich wahrhaftig nicht vorstellen konnten, dass ich jemals ein selbständiges Leben führen könnte und dass ich sogar eine eigene Familie gründen würde. (Dass meine Mutter mich geschlagen und beschimpft hat, wusste er übrigens nicht.) Mein Vater war ganz perplex, als ich ihm sagte, dass es Menschen gibt, die eine Behinderung sogar erotisch finden (–>Amelotatismus).
Ich sehe mein Blog als gutes Übungsfeld, um neue Wege zu gehen, ohne dabei viel zu riskieren. Die Versuche, Sachverhalte zu formulieren und die Rückmeldungen meiner Leser helfen mir, Dingen bewusster zu werden und klarer zu sehen.
Die schwache Gise hat sich auch im Blog noch nicht gezeigt – die starke Gise hat Euch von der schwachen Gise erzählt. Will sagen: während einer “Heulphase” habe ich, soweit ich mich erinnern kann, noch nie oder nur verhalten gebloggt. Die starke Gise hat nach außen immer das Zepter in der Hand.
Die Aussage des einen Herrn in Bad Kissingen, dass ich nun plötzlich burschikos geworden sei, hat mir sehr zu denken gegeben…
Samstag, 6. Juni 2009 um 19:49
Hallo Gise!
Bleib einfach so wie du bist,so bist du schon richtig! Alles Gute! :winke:
Gise sagt: Zur Zeit habe ich ganz stark das Gefühl, dass ich immer nur die halbe Gise präsentiere, was mich auch nur halb liebenswert macht…
Samstag, 6. Juni 2009 um 20:43
Liebe Gise,
ich bin irgendwie sehr betroffen, wenn ich dass hier lese, was man da so alles falsch gemacht hat in deinen Kindertagen.
Das du dann doch so geworden bist, wie du bist, dass ist schon eine tolle Leistung. Ich will hier keine Lobrede halten, sondern ich stelle nur fest wie gut du dich doch entwickelt hast.
Sei einfach du selber, wenn du dich schwach fühlst, dann sei einfach schwach und wenn du stark sein willst, dann sei stark. Lass dich fallen und ich denke, dass hast du gerade gemacht, du hast deine kleine Schwachstelle gezeigt und dass ist gut so. Lass es einfach so im Raum stehen.
Zweifele nicht immer an dir, denke nicht immer an die negativen Dinge von früher zurück, lebe heute und genauso wie du es möchtest und denke nicht darüber, was andere Leute denken könnten, denn du weißt nicht, was die anderen denken.
So sein nun von mir herzlichst gegrüßt und ich wünsche dir noch einen schönen Abend.
Roswitha
Gise sagt: Nicht nachdenken, nicht zweifeln… schwer… sehr schwer. Aber ich arbeite daran, die Grübeleien abzuschaffen, denn…
Jedem Menschen recht getan, ist eine Kunst, die niemand kann!
Samstag, 6. Juni 2009 um 22:16
Liebe Gise,
du drängst dich niemandem auf, du bist einfach eine ganz ganz liebenswerte Person, mit der man gerne zusammen ist. Und die ängstliche Gise, die darfst du gerne mitbringen, die ist in der Runde auch willkommen. Wer von uns hat schon nur eine starke Seite?
Ganz liebe Grüße
Gabi K
Gise sagt: Wenn ich manchmal übellaunige, zickige Zeitgenossen erlebe und sehe, dass diese Menschen so akzeptiert werden wie sie sind… mehr noch, dass ich diese Menschen trotzdem mag, weil ich weiß, dass sie auch andere, bessere Launen haben, dann frage ich mich, warum ich selber perfekt sein möchte…
Sonntag, 7. Juni 2009 um 06:34
bitte bleib so wie du bist. wenn du geistig behindert bist bin ichs auch.
Gise sagt: Weißt Du, der Hammer ist ja, dass meine Mutter “nur 7 Jahre Volksschule” hatte, während ich Abitur und ein Diplom habe.
Die angeblich geistige Behinderung bezog sich auch viel mehr auf meine manchmal träge Denkweise und meine Begriffsstutzigkeit. Vieles um mich herum habe ich oft auch schlichtweg nicht mitbekommen, weil ich schwerhörig war. Und mein extremes mich-nicht-trauen kam auch noch hinzu.
Sonntag, 7. Juni 2009 um 12:57
Hey, Gise
schön, dass du wieder hier bist.
Du schreibst, dass dein Nervekostüm dünner wird und, dass du Angst hast mit deinen aufkommenden Gefühlen jemanden auf den Keks zu gehen.
Ich denke, dass alle Menschen mit den Jahren ein sensibleres Nervenkostüm bekommen, besonders Frauen.
Du bist also in guter Gesellschaft damit.
Dadurch, dass deine Kids neuerdings auf eigenen Füßen stehen, hast du ja bestimmt im Alltag eine grundlegende Veränderung erfahren, die dir Freiräume schafft die es neu zu besetzen gilt.
Da bist du ja auch schon gut dabei. Ich wünsche dir, dass du auf diesem Weg viel Neues für dich entdeckst.
Gise sagt: Nee, Isa, mein Nervenkostüm wird nicht dünner. Ganz im Gegenteil, ich habe eher den Eindruck, dass ich immer stabiler werde. Früher habe ich öfters mal Depressionen gehabt, wegen der ich mich dann jedesmal in mein Schneckenhaus zurückgezogen und nach außen nur funktioniert habe. Seit mich ein Psychologe auf die schwache Gise aufmerksam gemacht hat, die ebenfalls beachtet werden will und muss, habe ich mich besser im Griff. Nur habe ich den Eindruck, dass es nicht der richtige Weg ist, wenn ich negative Gefühle nur mit mir allein ausmache…
Sonntag, 7. Juni 2009 um 16:22
Liebe Gise!
Zunächt mal gratuliere ich Dir für Deine Offenheit und Ehrlichkeit, die Du immer wieder hier zeigst. Das macht Dich liebenswert. Denn Menschen können gegenseitig nur eine Beziehung aufbauen, wenn sie sich “echt” zeigen. Ich kenne leider auch Menschen, bei denen ich erlebe, dass sie sich durch ihr Theaterspiel sogar von sich selbst entfernen. Eine richtig tiefe Beziehung ist zu solchen Menschen nicht möglich, weil sie sich nicht als das zeigen, was sie sind.
Ja, mit den Kindheitsprägungen, das ist so eine Erfahrung, die jeder Mensch mehr oder weniger intensiv durchlebt, denke ich. Für mich habe ich erlebt, dass zuerst mal die Wut auf meine Eltern aus mir heraus musste, die Anklage, die Trauer, all das, was ich mich als Kind nicht getraut hatte zu empfinden; denn eine brave Tochter ist doch dankbar und weiß doch immer eine Entschuldigung, für das verletztende Verhalten ihrer Eltern. Erst als all das Dunkle mal an der Oberfläche war, als ich es zulassen und anschauen konnte, da habe ich auch mit der Zeit gelernt, meine Eltern in einem anderen Licht zu sehen. Ich erkannte, warum sie so geworden sind, wie sie waren. Mir wurde bewusst, dass auch ihre Kindheitserfahrungen sie geprägt hatten. Da konnte ich Mitgefühl entwickeln. Ich musste jetzt nicht mehr ihr Fehlverhalten unter den Tisch kehren, oder entschuldigen. Ich konnte es als das sehen, was es war! Und dann habe ich mich selber auch in dieser “Verhaltenskette” wiedergefunden und anschauen gelernt, als das was ich bin: Nämlich eben auch eine ganz und gar nicht perfekte Mutter, die ich aber lange Jahre immer sein wollte. Und mit jedem Fehlverhalten meinerseits, für das ich mich dann unterbewusst verurteilte, verletzte ich mich selber um so mehr.Heute bin ich immer noch Lernende in dieser Angelegenheit. Aber ich habe ein großes Stück gelernt, dass ich so sein darf wie ich bin: Die Beate mit all ihren Ecken und Kanten, mit all ihren guten Seiten aber auch. Ich verschwende meine Energie nicht mehr, oder sagen wir mal wesentlich weniger als früher, um zu werden was ich sein möchte (Wuschvorstellungen, Idealisierungen), sondern ich bin auf dem Weg, die Beate zu werden, die ich (eigentlich schon) bin. Wir alle sind in Wahrheit auf dem Weg die zu werden, die wir sind, so empfinde ich das.
Ich grüße Dich ganz herzlich:
Beate
Gise sagt: Da gibt es ein berühmtes Zitat – keine Ahnung, von wem: Werde, der du bist.
Samstag, 13. Juni 2009 um 23:54
Hallo Gise,
jetzt war ich eben perplex, daß deine Mutter dich als geistig behindert bezeichnet hat. Bitte?
Beim lesen der Kommentare wird mir die Aussage etwas klarer. Du zitierst: “Die angeblich geistige Behinderung bezog sich auch viel mehr auf meine manchmal träge Denkweise und meine Begriffsstutzigkeit. Vieles um mich herum habe ich oft auch schlichtweg nicht mitbekommen, weil ich schwerhörig war.” Nachdem ich selbst mein Gehör schleichend verlor, weiß ich um solche Situationen, daß man dann als dumm oder was weiß ich angesehen wird. Es mag als träge Denkweise oder Begriffsstutzigkeit rüber kommen, aber das ist einfach die falsche Bezeichnung! Wie soll man z.Bspl einen Satz sofort verstehen, wenn man nur Bruchstücke hört und sich erst die Wörter und eine Aussage zusammen basteln muß? GsD habe ich nun schon Übung im Lippenlesen und wenn das nicht klappt, auch den Mut, sofort darum zu bitten, mir schriftlich was mitzuteilen. Klappt meist bestens und die einen diskriminieren, sind dann zurückgeblieben
LG, Gina